Sonntag, 10. Februar 2019

Shabbat Shalom - Gedanken über den Sinn von Ruhetagen


Pause muss sein! Hier im Straßencafé Levinsky in Tel Aviv
Ein sehr kreativer Umgang mit der engen Raumsituation


Bei meinem Aufenthalt in Jerusalem bin ich sehr froh, dass sich zu Mitmenschen aus verschiedenen Kontexten Kontakte ergeben. Naturgemäß war es recht leicht für mich, in die christliche Lebenswelt einzutauchen. Aber auch von der palästinensischen und der israelischen Gastfreundschaft habe ich ja auch schon berichten können. 

Nachdem ich in der letzten Woche durch Exkursionen nach Hebron und ins ehemalige Palästinenserdorf Lifta sowie durch ein Islamseminar mit Besuch auf dem Berg der Heiligtümer zuletzt viel mit der arabischen Geschichte Jerusalems und des Landes beschäftigt war, prägten Begegnungen mit jüdischen Mitmenschen und der israelischen Geschichte (inklusive des Besuches der Gedenkstätte Yad Vashem) diese Woche. Aus der Fülle der Eindrücke greife ich in dieser Woche einmal das Thema Shabbbat hervor.

Sehr dankbar bin ich für einen Kontakt mit dem bereits erwähnten Oded Peles, seines Zeichens angehender Rabbiner, der sich Zeit genommen hat, uns Kontaktpfarrern nicht nur das Dorf Ein Kerem zu zeigen (aus dem Johannes der Täufer stammen soll), sondern auch mit uns über jüdische Bräuche und Gewohnheiten zu sprechen. Immer wieder kommt er dabei auf den Schatz des „Sabbattages“ zu sprechen, der er besonders schätzt. Ich hake nach und will genau wissen, warum er diesen Tag so in Ehren hält. Bereits am Donnerstag hört man hier auf den Straßen an vielen Orten ein Shabbat Shalom zum Gruß. Oded verrät uns, dass für jüdische Familien bereits viel früher, nämlich spätestens ab Dienstag die kommende Shabbat-Feier ein wichtiges Thema ist. Viele Juden feiern den Shabbat im Rahmen ihrer Familie oder mit Freunden. Das muss organisiert werden.
Der Shabbat beginnt gemäß des biblischen Schöpfungsberichtes am Abend: Aus Abend und Morgen wird der erste Tag (Genesis 1, 5). Dementsprechend beginnt auch der siebente Tag der Woche mit dem Sonnenuntergang. Der Shabbat geht somit vom Sonnenuntergang am Freitagabend bis zum Sonnenuntergang am Samstagabend. Er wird mit dem Besuch von Gottesdiensten und gemeinsamen Essen gefeiert. Vorher wird gemeinsam die Wohnung gereinigt, gekocht und sich festlich gekleidet. Der Abend beginnt, wenn man einen grauen Wollfaden nicht mehr von einem blauen unterscheiden kann.
Der Synagogengottesdienst am Freitagabend im bet knesset, im Haus der Versammlung, wie die Synagogen im hebräischen bezeichnet werden (alternativ bet tefillah, Haus des Gebets) beginnt mit dem Kabbalat Schabbat (Empfang des Sabbats) u.a. mit gesungenen Psalmen und dem traditionellen Shabbatlied Lecha Dodi. Der Sabbat wird wie eine Braut begrüßt, je nach Tradition sehr unterschiedlich wie ich gleich aus eigener Erfahrung berichten werde. Das synagogale Abendgebet ist am Sabbat um einige Teile gekürzt, die etwa Sorge und Schuldbekenntnis enthalten, und um Sabbattexte erweitert. In manchen Synagogen wird der Kiddusch gesprochen, der Segensspruch über einen Becher Wein, gefolgt vom Trinken desselbigen, in der Praxis aus kleinen Bechern.
Ich habe an allen vier Freitagen, die ich bisher hier im Lande bin, an Shabbatfeiern teilgenommen und in drei Synagogen feststellen können, wie unterschiedlich sich das entfalten kann:
In der kleinen reformierten Synagoge Kehilat Har-El wurde viel gesungen, einmal sehr stilvoll mit Harfe und Chor, das andere Mal einfacher mit Gitarre. Es ging auf der einen Seite sehr locker zu und doch feierlich und liturgisch. Männer und Frauen saßen in dieser reformierten Synagoge zusammen. Für Gäste wurden die Seitenzahlen im Hebräisch – Englischen Gottesbuch angesagt.
Die große Synagoge - Vor Beginn des Shabbats
In der Großen Synagoge wurde auf orthodoxe Art und Weise sehr feierlich und traditionell gefeiert. Die Frauen saßen getrennt auf der Empore. Hier ging es sehr liturgisch zu.
In der reformierten Synagoge Kehilat Zion, über die ich bereits zuvor berichtete, erlebte ich die Begrüßung des Shabbat sehr spirituell. Hier wurden sehr lebhafte und auch besinnliche Lieder sehr innerlich gesungen. Fast schon mystisch möchte ich diese Atmosphäre nennen. In dieses Bild passt auch, dass der Sabbat wie eine Braut mit dem Worten des Hoheliedes begrüßt wurde.
Alle drei Synagogengottesdienste haben die Freude an der Begrüßung des nun kommenden Ruhetages gemeinsam.

Übereinstimmend erzählen mir Gesprächspartner, dass das dem Shabbat Kabbala folgende Abendessen für sie ein Höhepunkt des Shabbats ist. Gemeinsam wird in den Häusern bereits vorbereitetes gegessen. 
Die traditionelle jüdische Sabbatfeier beginnt am Freitagabend zu Hause mit dem Sabbatsegen (Kiddusch) und einem Festmahl.
Wer sich an die Shabbatregeln hält, darf nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr arbeiten und auch keine Tätigkeiten mehr verrichten, die gemäß der überlieferten Lehre der Halacha als Arbeit gelten. Dazu gehört auch Kochen, ein Licht entzünden, Schreiben, aber auch aktualisiert für unsere Zeit Photographien, Telefonieren oder am Computer surfen.
Das ist manchmal nicht einfach, bekomme ich zu hören, weil man vorher alles organisieren und z.B. das zuvor gekochte Essen warmhalten muss, aber der Gewinn durch diese Regelung ist groß. Man hat wirklich Zeit füreinander zum Gespräch. Man kann in Ruhe ein Buch lesen, ist nicht vom Alltag abgelenkt.
Die Arbeitswoche wird am Shabbat außen vorgelassen. Manches wie das Regeln der Lichter mit Zeitschaltuhren kommt mir etwas eng vor, aber ich beginne den Zauber des Shabbat zu verstehen. Wie viele Menschen kenne ich, die sich über die ständige Erreichbarkeit des Smartphones beschweren. Es einfach mal einen Tag zur Seite zu legen, kann ich mir sehr gesund vorstellen.
Im Mittelpunkt des Gottesdienstes am Samstagmorgen steht die Thora-Prozession, gefolgt von Schriftlesungen und Gebeten. Die Thora, also die fünf Mose, sind für gläubige Juden ein zentrales Element ihres Glaubens. Während zum Beispiel die 150 Psalmen als Sammlung von Liedern aus dem Alltag vieler Glaubenden genommen werden, sind die Schriften der Thora als Weisung und Lehre, Wort Gottes an für sich.
Dieses muss immer wieder gelesen und gedeutet werden. Im Laufe der Jahrhunderte sind um die Thora mit der Mischna und dem Jerusalemer und dem babylonischen Talmud Auslegungen entstanden, in den Rabbinen die Worte der Thora immer und immer wieder interpretiert haben.

Auch zur Zeit Jesu war dies übrigens üblich und so wird Jesus von seinen Jüngern als Rabbi bezeichnet. Weitere Gelehrte wie Rabbi Gamaliel werden auch in der Bibel erwähnt. Andere wird Jesus vermutlich gekannt oder von Ihnen gehört haben. So finden sich Parallelstellen aus der Predigt Jesu bei Rabbi Hillel, der vor Jesus bzw. zeitgleich (er starb im Jahr 9. N. Chr. ) gelebt hat. Bei aller Originalität ist Jesus Kind einer langen jüdischen Lehrtradition.
Die rabbinische Welt habe ich bereits während meines Studiums kennen gelernt. Ich lese in diesen Tagen immer wieder in der Mischna, die zwischen dem 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und dem 2. Jahrhundert danach entstanden ist. Manches Wort Jesu erstrahlt vor diesem Hintergrund in einem neuen Licht.
Zurück zum eigentlichen Thema: Das Mittagessen am Shabbat ist dann ein erneuter Höhepunkt. Auch am Nachmittag besteht die Möglichkeit eines Synagogengottesdienstes. Ein Abendessen schließt den Tag ab.
Wer sich an die Shabbatregeln hält, so wie es orthodoxe oder auch konservative Juden tun, verlässt seine Stadt nicht, erklärt mir Oded. Um jede Stadt ist ein Band gespannt.  Darüber hinaus darf man nur 1000 Schritte tun. Das bedeutet für manche Stadtteile und diejenigen, die sich daran halten: 24 Stunden absoluter Stillstand! Bereits ab 14 Uhr am Donnerstag schließen die Geschäfte. Mit Beginn des Shabbat fahren keine Busse. Der ultraorthodoxe Stadtteil Mea Shearim wird sogar abgeriegelt, hier darf auch nicht Auto oder Fahrrad gefahren werden. Wer photographiert wird darauf angesprochen, dass er dies zu unterlassen hat.
Reformierte Gemeinden dagegen überlassen es ihren Mitgliedern inwiefern sie den traditionellen Geboten folgen. Aber auch hier spielen ethische Ordnungen eine wichtige Rolle.
Nach dem morgendlichen Synagogengottesdienst folgen beim Mittagessen in den Häusern weitere Schriftlesungen und das Mincha-Gebet, abends beim Schein der Hawdala-Kerze nochmals ein Weinsegen und der gegenseitige Wunsch für eine „Gute Woche“.
Clock Tower Jaffa -
einer von sieben Uhrentürmen
aus der osmanischen Zeit
In der Praxis bin ich von diesen Regelungen bisher nicht besonders betroffen. Ich habe stets im Vorfeld einiges zur Verpflegung eingekauft und Reisen mit dem Bus nicht für den Shabbat geplant. Die Atmosphäre in jüdisch geprägten West-Jerusalem verändert sich aber deutlich. Ganz anders als übrigens im  muslimischen und christlichen Teil der Altstadt und Jerusalems. Hier herrscht business as usual, wie ich bei meinen Spaziergängen erlebe. Hier fahren auch Busse und Taxen. Und mit der Zeit erfahre ich auch, dass es Notbusse mit arabischen Fahrern im westlichen Teil der Stadt gibt und auch Cafés und Restaurant jüdischer Besitzer geöffnet haben. So unterschiedlich kann die israelische Gesellschaft sein! 
Durch die kulturelle Vielfalt kann man sich also auch ganz gut und auch ohne Familienanschluss den Shabbat in Jerusalem die Zeit vertreiben. Dennoch macht mich das Gehörte und Erlebte nachdenklich: Ein wirklicher Ruhetag in der Woche, in dem man sich nicht mit Aktivitäten selbst das Leben schwermacht. Auch ich bin allzu häufig sieben Tage die Woche mit Arbeit und Profanen beschäftigt. Hier tuen mir dagegen die Zeiten zwischen Seminaren und Exkursionen und eigenem Studium gut.
Auch wenn ich wie Jesus meine, dass der Shabbat für den Menschen geschaffen wurde und nicht der Mensch für den Shabbat (Markus 2, 27), so ist ein konsequenter Ruhetag schon von kostbarem Wert. Für Christen ist es der Sonntag, der an die Auferstehung Jesu am dritten Tage erinnert. Er wird immer mehr preis gegeben zugunsten von verkaufsoffenen Sonntag oder anderen Aktivitäten. Und zu Lasten von Angestellten und eigentlich auch von Konsumenten. Gesunder wäre eine wirkliche Auszeit. Nicht umsonst erinnern die Kirchen an die Wichtigkeit von Ruhepausen.
Die Mandelblüte in Ein Kerem beginnt
Seit Jahrtausenden wissen die Menschen um die heilsame Wirkung und menschenwürdige Dimension eines Ruhetages. nach
Selbst die Schöpfungsgeschichte mündet in Gottes Ruhe nach seinem Sechstagewerk: „Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte“ (Genesis 2, 2f. EU).
In den 10 Weisungen/Geboten ist es das dritte Gebot. Auf ihn liegt ein besonderer Segen: „Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn“ (Exodus 20, 8 Luther).
Abendlicher Blick aus meiner Klosterzelle
Das hebräische Wort Shabbat bedeutet „aufhören“ und „ruhen“. Manchmal im Leben muss man auch Loslassen können, geht mir durch den Kopf. Da kann ein Tag der Ruhe, ein Einschnitt im Arbeitsleben, sehr hilfreich sein, um sich Gedanken darüber zu machen, was einem wichtig ist und was man getrost in der letzten Woche zurücklassen kann.
Für mich fühlt sich die bisher erlebte Shabbatruhe gut an. Im Rahmen meines gesamten dreimonatigen „Sabbaticals“ sind es noch einmal besondere kleine Inseln der Ruhe und Besinnung. Besonders mag ich die bewusste Begrüßung des Feiertages durch Lieder und die damit verbundene Wertschätzung. Ich fange an nachzuvollziehen, warum Oded den Shabbat so wertschätzt.
BCU, 10.02.2019


Tal der Gemeinden in Yad Vashem

Hier wird der 5000 zerstörten Synagogengemeinden
während des Naziregimes gedacht




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