![]() | ||||
Pause muss sein! Hier im Straßencafé Levinsky in Tel Aviv
|
Nachdem ich in der letzten Woche durch Exkursionen nach Hebron und ins ehemalige Palästinenserdorf Lifta sowie durch ein Islamseminar mit Besuch auf dem Berg der Heiligtümer zuletzt viel mit der arabischen Geschichte Jerusalems und des Landes beschäftigt war, prägten Begegnungen mit jüdischen Mitmenschen und der israelischen Geschichte (inklusive des Besuches der Gedenkstätte Yad Vashem) diese Woche. Aus der Fülle der Eindrücke greife ich in dieser Woche einmal das Thema Shabbbat hervor.
Sehr dankbar
bin ich für einen Kontakt mit dem bereits erwähnten Oded Peles, seines Zeichens
angehender Rabbiner, der sich Zeit genommen hat, uns Kontaktpfarrern nicht nur
das Dorf Ein Kerem zu
zeigen (aus dem Johannes der Täufer stammen soll), sondern auch mit uns über
jüdische Bräuche und Gewohnheiten zu sprechen. Immer wieder kommt er dabei auf
den Schatz des „Sabbattages“ zu sprechen, der er besonders schätzt. Ich hake nach
und will genau wissen, warum er diesen Tag so in Ehren hält. Bereits am Donnerstag
hört man hier auf den Straßen an vielen Orten ein Shabbat Shalom zum Gruß. Oded
verrät uns, dass für jüdische Familien bereits viel früher, nämlich spätestens ab
Dienstag die kommende Shabbat-Feier ein wichtiges Thema ist. Viele Juden feiern
den Shabbat im Rahmen ihrer Familie oder mit Freunden. Das muss organisiert
werden.
Der Shabbat beginnt gemäß des biblischen Schöpfungsberichtes am Abend: Aus Abend und Morgen wird der erste Tag (Genesis 1, 5). Dementsprechend beginnt auch der siebente Tag der Woche mit dem Sonnenuntergang. Der Shabbat geht somit vom Sonnenuntergang am Freitagabend bis zum Sonnenuntergang am Samstagabend. Er wird mit dem Besuch von Gottesdiensten und gemeinsamen Essen gefeiert. Vorher wird gemeinsam die Wohnung gereinigt, gekocht und sich festlich gekleidet. Der Abend beginnt, wenn man einen grauen Wollfaden nicht mehr von einem blauen unterscheiden kann.
Der Synagogengottesdienst am Freitagabend im bet knesset, im Haus der Versammlung, wie die
Synagogen im hebräischen bezeichnet werden (alternativ bet tefillah, Haus des Gebets) beginnt mit dem Kabbalat Schabbat (Empfang des
Sabbats) u.a. mit gesungenen Psalmen und dem traditionellen Shabbatlied Lecha Dodi. Der Sabbat wird wie eine Braut begrüßt, je nach Tradition sehr unterschiedlich wie ich gleich aus eigener Erfahrung berichten werde. Das synagogale Abendgebet ist am Sabbat um einige Teile gekürzt, die etwa Sorge und Schuldbekenntnis enthalten, und um Sabbattexte erweitert. In manchen Synagogen wird der Kiddusch gesprochen, der Segensspruch über einen Becher Wein, gefolgt vom Trinken desselbigen, in der Praxis aus kleinen Bechern.
Ich habe an
allen vier Freitagen, die ich bisher hier im Lande bin, an Shabbatfeiern
teilgenommen und in drei Synagogen feststellen können, wie unterschiedlich sich
das entfalten kann:
In der
kleinen reformierten Synagoge Kehilat
Har-El wurde viel gesungen, einmal sehr stilvoll mit Harfe und Chor, das
andere Mal einfacher mit Gitarre. Es ging auf der einen Seite sehr locker zu und
doch feierlich und liturgisch. Männer und Frauen saßen in dieser reformierten
Synagoge zusammen. Für Gäste wurden die Seitenzahlen im Hebräisch – Englischen Gottesbuch
angesagt.
![]() |
Die große Synagoge - Vor Beginn des Shabbats |
In der
reformierten Synagoge Kehilat
Zion, über die ich bereits zuvor berichtete, erlebte ich die Begrüßung des
Shabbat sehr spirituell. Hier wurden sehr lebhafte und auch besinnliche Lieder
sehr innerlich gesungen. Fast schon mystisch möchte ich diese Atmosphäre
nennen. In dieses Bild passt auch, dass der Sabbat wie eine Braut mit dem
Worten des Hoheliedes begrüßt wurde.
Alle drei
Synagogengottesdienste haben die Freude an der Begrüßung des nun kommenden Ruhetages
gemeinsam.
Übereinstimmend erzählen mir Gesprächspartner, dass das dem Shabbat Kabbala folgende Abendessen für sie ein Höhepunkt des Shabbats ist. Gemeinsam wird in den Häusern bereits vorbereitetes gegessen. Die traditionelle jüdische Sabbatfeier beginnt am Freitagabend zu Hause mit dem Sabbatsegen (Kiddusch) und einem Festmahl.
Übereinstimmend erzählen mir Gesprächspartner, dass das dem Shabbat Kabbala folgende Abendessen für sie ein Höhepunkt des Shabbats ist. Gemeinsam wird in den Häusern bereits vorbereitetes gegessen. Die traditionelle jüdische Sabbatfeier beginnt am Freitagabend zu Hause mit dem Sabbatsegen (Kiddusch) und einem Festmahl.
Wer sich an die
Shabbatregeln hält, darf nach Einbruch
der Dunkelheit nicht mehr arbeiten und auch keine Tätigkeiten mehr verrichten,
die gemäß der überlieferten Lehre der Halacha als Arbeit gelten. Dazu gehört
auch Kochen, ein Licht entzünden, Schreiben, aber auch aktualisiert für unsere
Zeit Photographien, Telefonieren oder am Computer surfen.
Das ist
manchmal nicht einfach, bekomme ich zu hören, weil man vorher alles
organisieren und z.B. das zuvor gekochte Essen warmhalten muss, aber der Gewinn
durch diese Regelung ist groß. Man hat wirklich Zeit füreinander zum Gespräch. Man
kann in Ruhe ein Buch lesen, ist nicht vom Alltag abgelenkt.
Die
Arbeitswoche wird am Shabbat außen vorgelassen. Manches wie das Regeln der
Lichter mit Zeitschaltuhren kommt mir etwas eng vor, aber ich beginne den
Zauber des Shabbat zu verstehen. Wie viele Menschen kenne ich, die sich über
die ständige Erreichbarkeit des Smartphones beschweren. Es einfach mal einen
Tag zur Seite zu legen, kann ich mir sehr gesund vorstellen.
Im Mittelpunkt des Gottesdienstes am Samstagmorgen steht die Thora-Prozession, gefolgt von Schriftlesungen und Gebeten. Die Thora, also die fünf Mose, sind für gläubige Juden ein zentrales Element ihres Glaubens. Während zum Beispiel die 150 Psalmen als Sammlung von Liedern aus dem Alltag vieler Glaubenden genommen werden, sind die Schriften der Thora als Weisung und Lehre, Wort Gottes an für sich.
Dieses muss
immer wieder gelesen und gedeutet werden. Im Laufe der Jahrhunderte sind um die
Thora mit der Mischna und dem Jerusalemer und dem babylonischen Talmud Auslegungen
entstanden, in den Rabbinen die Worte der Thora immer und immer wieder interpretiert
haben.
Auch zur Zeit Jesu war dies übrigens üblich und so wird Jesus von seinen Jüngern als Rabbi bezeichnet. Weitere Gelehrte wie Rabbi Gamaliel werden auch in der Bibel erwähnt. Andere wird Jesus vermutlich gekannt oder von Ihnen gehört haben. So finden sich Parallelstellen aus der Predigt Jesu bei Rabbi Hillel, der vor Jesus bzw. zeitgleich (er starb im Jahr 9. N. Chr. ) gelebt hat. Bei aller Originalität ist Jesus Kind einer langen jüdischen Lehrtradition.
Auch zur Zeit Jesu war dies übrigens üblich und so wird Jesus von seinen Jüngern als Rabbi bezeichnet. Weitere Gelehrte wie Rabbi Gamaliel werden auch in der Bibel erwähnt. Andere wird Jesus vermutlich gekannt oder von Ihnen gehört haben. So finden sich Parallelstellen aus der Predigt Jesu bei Rabbi Hillel, der vor Jesus bzw. zeitgleich (er starb im Jahr 9. N. Chr. ) gelebt hat. Bei aller Originalität ist Jesus Kind einer langen jüdischen Lehrtradition.
Die
rabbinische Welt habe ich bereits während meines Studiums kennen gelernt. Ich
lese in diesen Tagen immer wieder in der Mischna, die zwischen dem 1.
Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und dem 2. Jahrhundert danach entstanden
ist. Manches Wort Jesu erstrahlt vor diesem Hintergrund in einem neuen Licht.
Zurück zum eigentlichen
Thema: Das Mittagessen am Shabbat
ist dann ein erneuter Höhepunkt. Auch am Nachmittag besteht die Möglichkeit
eines Synagogengottesdienstes. Ein Abendessen schließt den Tag ab.
Wer sich an
die Shabbatregeln hält, so wie es orthodoxe oder auch konservative Juden tun, verlässt
seine Stadt nicht, erklärt mir Oded. Um jede Stadt ist ein Band gespannt. Darüber hinaus darf man nur 1000 Schritte tun.
Das bedeutet für manche Stadtteile und diejenigen, die sich daran halten: 24
Stunden absoluter Stillstand! Bereits ab 14 Uhr am Donnerstag schließen die
Geschäfte. Mit Beginn des Shabbat fahren keine Busse. Der ultraorthodoxe
Stadtteil Mea Shearim wird sogar abgeriegelt, hier darf auch nicht Auto oder
Fahrrad gefahren werden. Wer photographiert wird darauf angesprochen, dass er
dies zu unterlassen hat.
Reformierte Gemeinden dagegen überlassen es ihren Mitgliedern inwiefern sie den traditionellen Geboten folgen. Aber auch hier spielen ethische Ordnungen eine wichtige Rolle.
Reformierte Gemeinden dagegen überlassen es ihren Mitgliedern inwiefern sie den traditionellen Geboten folgen. Aber auch hier spielen ethische Ordnungen eine wichtige Rolle.
Nach dem morgendlichen Synagogengottesdienst folgen beim Mittagessen in den Häusern weitere Schriftlesungen und das Mincha-Gebet, abends beim Schein der Hawdala-Kerze nochmals ein Weinsegen und der gegenseitige Wunsch für eine „Gute Woche“.
In der Praxis bin ich von diesen
Regelungen bisher nicht besonders betroffen. Ich habe stets im Vorfeld einiges zur Verpflegung
eingekauft und Reisen mit dem Bus nicht für den Shabbat geplant. Die Atmosphäre
in jüdisch geprägten West-Jerusalem verändert sich aber deutlich. Ganz anders
als übrigens im muslimischen und
christlichen Teil der Altstadt und Jerusalems. Hier herrscht business as usual,
wie ich bei meinen Spaziergängen erlebe. Hier fahren auch Busse und Taxen. Und
mit der Zeit erfahre ich auch, dass es Notbusse mit arabischen Fahrern im
westlichen Teil der Stadt gibt und auch Cafés und Restaurant jüdischer Besitzer
geöffnet haben. So unterschiedlich kann die israelische Gesellschaft sein!
![]() |
Clock Tower Jaffa - einer von sieben Uhrentürmen aus der osmanischen Zeit |
Durch die kulturelle Vielfalt kann man sich also auch ganz gut und auch ohne
Familienanschluss den Shabbat in Jerusalem die Zeit vertreiben. Dennoch macht
mich das Gehörte und Erlebte nachdenklich: Ein wirklicher Ruhetag in der Woche,
in dem man sich nicht mit Aktivitäten selbst das Leben schwermacht. Auch ich
bin allzu häufig sieben Tage die Woche mit Arbeit und Profanen beschäftigt.
Hier tuen mir dagegen die Zeiten zwischen Seminaren und Exkursionen und eigenem
Studium gut.
Auch wenn ich
wie Jesus meine, dass der Shabbat für den Menschen geschaffen wurde und nicht
der Mensch für den Shabbat (Markus 2, 27), so ist ein konsequenter Ruhetag
schon von kostbarem Wert. Für Christen ist es der Sonntag, der an die
Auferstehung Jesu am dritten Tage erinnert. Er wird immer mehr preis gegeben
zugunsten von verkaufsoffenen Sonntag oder anderen Aktivitäten. Und zu Lasten
von Angestellten und eigentlich auch von Konsumenten. Gesunder wäre eine
wirkliche Auszeit. Nicht umsonst erinnern die Kirchen an die Wichtigkeit von
Ruhepausen.
![]() |
Die Mandelblüte in Ein Kerem beginnt |
Selbst die Schöpfungsgeschichte mündet in Gottes Ruhe nach seinem Sechstagewerk: „Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte“ (Genesis 2, 2f. EU).
![]() |
Abendlicher Blick aus meiner Klosterzelle |
Für mich
fühlt sich die bisher erlebte Shabbatruhe gut an. Im Rahmen meines gesamten
dreimonatigen „Sabbaticals“ sind es noch einmal besondere kleine Inseln der
Ruhe und Besinnung. Besonders mag ich die bewusste Begrüßung des Feiertages
durch Lieder und die damit verbundene Wertschätzung. Ich fange an
nachzuvollziehen, warum Oded den Shabbat so wertschätzt.
BCU, 10.02.2019
![]() |
Tal der Gemeinden in Yad Vashem |
![]() |
Hier wird der 5000 zerstörten Synagogengemeinden während des Naziregimes gedacht |
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen