Dienstag, 19. Februar 2019

Best of two worlds - das Bildungszentrum Talitha Kumi

Es gibt in Israel und Palästina zahlreiche Organisationen, Initiativen und Projekte, die sich über das Land verteilt für Menschen gleich welcher Herkunft einsetzen. Einige, deren beeindruckende Arbeit ich vor Ort bereits besucht habe oder noch besuchen werde, möchte ich in den Beiträgen vorstellen.

Heute: Das Bildungszentrum Talitha Kumi in Beit Jala

Excellente Auslandsschule und mehr
Talitha Kumi ist ein Bildungszentrum in Beit Jala im palästinensischen Autonomiegebiet mit einer "Exzellenten Deutschen Auslandsschule", einem Kindergarten, einem Gästehaus, einer Hotelfachschule mit Dualer Ausbildung und einem Mädcheninternat.
Die Einrichtung, die seit über 150 Jahren erst in Jerusalem und seit 1950 in Beit Jala nahe Bethlehem besteht, ist aber noch viel mehr, nämlich ein Ort der täglichen Begegnung zwischen palästinensischen Moslems und Christen. In Talitha Kumi werden derzeit ungefähr 900 Schülerinnen und Schüler vom Kindergarten, über Grundschule bis zur zwölften Klasse von über 50 Lehrern nach dem palästinensischen Lehrplan unterrichtet. Über 50 % davon sind muslimisch und unter 50 % christlich, die Hälfte Jungen und die Hälfte Mädchen. 


Lernen fällt leichter in einer angenehmer Lernumgebung
An der deutsche Auslandsschule können Schülerinnen und Schüler den international anerkannten Bildungsabschluss „Deutsche Internationale Abiturprüfung“ (DIA) erlangen. Diese Qualifikation eröffnet palästinensischen Schülerinnen und Schülern den Zugang zu allen Universitäten der Welt. Daneben ist weiterhin das Ablegen des palästinensischen Abiturs „Tawjihi“ möglich, eine landesweite Zentralprüfung, die vom palästinensischen Erziehungsministerium nach Beendigung der 12-jährigen Schulzeit durchgeführt wird.

Das könnte sich auch so in einer Schule in Deutschland finden
Wer hier sein Abitur macht hat eine hervorragende Ausbildung und gute Chancen auf dem Berufsmarkt. Unlängst hat ein ehemaliger Schüler Talitha Kumis sein Zahnmedizinstudium als Jahrgangsbester seines Universitätsstudium abgeschlossen. Licht und Schatten liegen hier jedoch dann auch nahe beieinander: Einige Schülerinnen und Schüler gehen zum Studium ins Ausland. Mit Bedauern wird hier vor Ort bei aller Freude über den Erfolg dabei wahrgenommen, dass davon viele nicht zurück nach Palästina kommen, sondern als gut ausgebildete Persönlichkeiten in anderen Teilen der Welt ihren Lebensmittelpunkt finden. Dabei hätte Palästina gut ausgebildete Fachkräfte nötig. 

Kleiner Exkurs: Da sehr viele christliche Palästinenser das Land verlassen, sank in den letzten Jahren der Anteil der christlichen Bevölkerung von 2% auf vermutete 1%. Beit Jala ist wie Bethlehem und Beit Sahour noch mehrheitlich christlich geprägt. Hier leben 80% christliche Palästinenser und 20% muslimische Palästinenser friedlich zusammen. Jüdischen Israelis ist die Einreise in die palästinensischen Gebiete der A-Area übrigens strengstens verboten. 

Das Gästehaus ist gleichzeitig ein Begegnungszentrum

Im Gästehaus gastieren Menschen und Gruppen aus aller Welt, sei es weil sie zu Besuch im Heiligen Land sind oder zu einem Seminar oder einer Begegnungstagung nach Talitha Kumi kommen.
Der heutige Flecken Land, auf dem Talitha Kumi liegt, ist dafür Bestens geeignet und symbolträchtig: Auf einer Bergkuppel gelegen befindet sich der offizielle Eingang an einer Straße gelegen, die zur C-Area der palästinensischen Gebiete gehört. Ein weiterer Eingang ermöglicht Schülerinnen und Schülern aus der A-Area aufs Schulgelände zukommen.

"Die Bildung in Talitha Kumi ist eng mit christlichen Werten verbunden, mit der Begegnung und gegenseitigem Respekt der Religionen und Kulturen, mit der Mädchenförderung, mit der Inklusionsidee durch individuelle Förderung und schließlich mit der dualen beruflichen Bildung in einem Teilbereich der Schule. Die in Talitha Kumi vermittelte Bildung und Friedenserziehung tragen zur nachhaltigen Entwicklung Palästinas bei und sind ein kirchlicher und in Kooperation mit unseren palästinensischen Partnern und Freunden ein politischer Beitrag der Deutschen Auswärtigen Kulturpolitik zur Förderung des Friedens im Nahen Osten.", schreibt Schulleiter Matthias Wolf in seinem Grußwort auf der Homepage des Bildungszentrums, auf die ich hiermit für mehr Informationen und bildliche Eindrücke hinweise. 
Matthias Wolf ist seit einem halben Jahr Schulleiter und damit zuständig für zahlreichen Angestellten im Bildungswerk, allein rund 60 pädagogische Kräfte (gut palästinensische Lehrkräfte und 8 Deutsche). 
Schulleiter Matthias Wolf mit dreien von vier Kontaktpfarrern
Er führt unsere kleine Studiengruppe übers Gelände. Sein Anliegen ist es das "Best of two worlds" zusammenzuführen. Im Gespräch bezieht er dies auf den Beitrag der Erfahrungen aus dem deutschen Bildungssystem und den Erfahrungen der lokalen Pädagogen, aber mir kommt gleich in den Sinn, dass dieser Satz für vieles in diesem Land gelten könnte. Dabei gilt es viele Herausforderungen zu meistern, verrät er uns:Wir sprechen darüber, was die Menschen vor Ort bewegt, Kulturunterschiede, die beiden Abiturzweige der Schule und den arbeitsintensiven, aber auch erfolgreichen Weg zum Gütesiegel "Exzellente Deutsche Auslandsschule", das Talitha Kumi führen darf.
Sein Blick ist aber nicht nur auf das große Ganze gerichtet, sondern immer wieder auf das Detail. In der ansprechend durch Spendengeldern eingerichteten Bibliothek kann ich mir vorstellen, dass das Lesen den Schülerinnen und Schülern Freude bereitet.
Solche schöne Orte möchte Schulleiter Matthias Wolf noch mehr realisiert sehen und hofft dabei auf Spenden und Unterstützung, denn alleine kann das Werk dies nicht stemmen. Auf der Wunschliste stehen vom Begegnungscafé bis hin zur schöneren Gestaltung der Inneneinrichtungen noch einige Vorhaben. 


Schüler haben eine Wand der Schule gestaltet
Ich gewinne den Eindruck, dass hier an dieser "Begegnungsschule" viel zu moderieren, zu motivieren, zu planen und zu gestalten ist. Dass dies über so viele Jahrzehnte immer wieder gelingt - trotz der Herausforderungen des Umfeldes - scheint mir fast etwas wunderbar. Aber der Name von Talitha Kumi verweist ja auch auf eine wunderbare Begebenheit, die der Evangelist Markus erzählt: Bei der Auferweckung der Tochter des Jairus ergriff Jesus das Kind bei der Hand und sprach: „Talitha Kumi! - das heißt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!“ (Markus 5, 41).

Es wäre schon wunderbar, wenn es in diesem Land häufiger gelingen würde das Beste der verschiedenen Welten zu verbinden. Dann würde es häufiger heißen, "Best of two, three or more worlds". Vielleicht ist ja gerade diese Einstellung ein Schlüssel zu einem friedlichen und konstruktiven Miteinander. Jeder hat etwas, was er oder sie in das gemeinsame Ganze einbringen kann.
BCU, 18.02.2019

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