Sonntag, 24. Februar 2019

Nes Ammim – ein Zeichen für die Völker


Eine meiner jüngsten Exkursionen im Rahmen meines Studienprojektes führte diesmal weit in den Norden, fast an die libanesische Grenze ins kleine Dorf Nes Ammim. Es wurde mir mit dem Hinweis empfohlen, dass dort eine intensive und versierte Dialogarbeit stattfindet. Das interessierte mich und so machte ich mich zusammen mit drei Pfarrkollegen, die wie ich im Rahmen von Studium in Israel unterwegs sind, auf den Weg.

„Aus Gegnern werden Freunde“, das ist in Nes Ammim, einer von Christen im Jahr 1963 gegründeten Siedlung, nicht nur Theorie. In erlebter Geschichte und gelebter Gegenwart in dem kleinen nördlich von Akko und kurz vor der libanesischen Grenze gelegenen Dorf findet Begegnung täglich praktisch statt. Und wenn es nicht gleich Freundschaften sind, die entstehen, dann wächst doch zumindest Verständnis und Respekt voreinander.
Dabei waren die Nachbarn zu Beginn der Geschichte Nes Ammims erst äußerst skeptisch. Ein drusischer Scheich hatte Anfang der 60er Jahre den Flecken Land an europäischen Christen verkauft, die aus der Schweiz, Holland und Deutschland in den nächsten Jahren in das ländlich gelegene Gebiet ziehen sollten. Nach den Erlebnissen des zweiten Weltkrieges hätten die jüdischen Bewohner einer nahen Siedlung gerne auf die neuen christlichen Nachbarn verzichtet. Diese ließen sich aber nicht entmutigen und baten beharrlich um eine Baugenehmigung für das Land, die Ihnen auf Einwirken der Nachbarn zunächst verwehrt wurde. Nicht nur die Baugenehmigung wurde mit der Zeit erteilt, sondern auch die frühen Ressentiments konnten überwunden werden. Derselbe Rabbi, der auf die Behörden einwirkte, keine Baugenehmigung zu erteilen, wurde später ein Freund und Förderer von Nes Ammim.


Historisches Luftbild von Nes Ammim
Entscheidend bei der Annäherung war es, dass die ersten Bewohner Juden von Anfang an als große Geschwister im Glauben anerkannten, von denen man über die jüdischen Ursprünge des Christentums lernen wollte. Das wurde wohl mit Erstaunen wahrgenommen und hat die Einstellung verändert. Aus Gegnern wurden so Freunde. Nes Ammim wurde über die Jahrzehnte zu einem Ort der Begegnung und des Dialoges. Zwischenzeitlich wohnten 150
Nes Ammim heute 
Personen in der christlichen Gemeinschaft. Bis Ende der 90er Jahr galt Nes Ammim durch die Gewächshäuser und die Landwirtschaft (die ersten holländischen Siedler kannten sich mit der Blumenzucht aus) als Rosendorf. Die gezogenen Blumen und die landwirtschaftliche Arbeit bildeten lange Zeit die wirtschaftliche Grundlage der Gemeinschaft. Durch neue weltweite Wirtschaftsabkommen in den 90er Jahren verlor der Betrieb seine Wettbewerbsfähigkeit und die Arbeit wurde eingestellt.


Nes Ammim musste sich neu aufstellen. Eine neue Entwicklung ist die Ansiedlung von knapp 100 Einfamilienhäuser an Stelle des vormaligen landwirtschaftlichen Betriebsflächen am Rande des historischen Dorfkernes. Hier wohnen die neuen jüdischen und arabischen Nachbarn in Frieden zusammen mit den Menschen, die das christliche Werk ausmachen. Ein Hotelbetrieb, in dem sich sowohl Gruppen als auch Individualreisende einmieten können, ist heute einer der beiden Mittelpunkte des Dorfes.
Der andere ist das Leben im Village. Hier leben zurzeit 35 Personen in einer Lebens- und Dienstgemeinschaft, darunter 25 Volontäre verschiedenen Alters, die sich zwischen wenigen Monaten und mehreren Jahren ehrenamtlich vor Ort engagieren. Sie kümmern sich z.B. um den Hotelbetrieb und die Gästebereiche des Village.
Das Haus des Gebetes 
Diese Volontäre, meist aus Holland oder Deutschland stammend, begleitet Tobias Kriener, ein aus dem Rheinland stammender Pfarrer, der seit gut zwei Jahren leitend für den globalen Arbeitsbereich zuständig ist.
Mit regelmäßigen Exkursionen und Begegnungen lernen die Teilnehmenden des Volontärsprogrammes im Rahmen eines intensiven politischen
Skulptur im Haus des Gebets
Bildungsprogramms Land und Leute kennen. Er führt uns vier Kontaktpfarrer nach unserer Ankunft über das weitläufige Gelände und erklärt uns anhand der Gebäude wie dem Hotel, des Hauses des Gebetes, des Schwimmbades sowie des Bildungszentrums für die Dialogarbeit die Philosophie Nes Ammims und die doppelte Begegnungsarbeit: Zum einen kommen  Menschen aus aller Welt, die Israel kennen lernen wollen, und zum zweiten findet örtliche Dialogarbeit zwischen jüdischen und arabischen Bewohnern des Landes statt.
Nes Ammim bedeutet Zeichen für die Völker. Das Wort geht auf ein Zitat aus dem Buch Jesaja zurück (Jesaja 11, 10) und drückt die Hoffnung der Gründer aus, dass an diesem Ort und nach der Katastrophe des Holocausts etwas Zeichenhaftes wachsen möge, das zur Versöhnung beiträgt. Das Logo von Nes Ammim enthält den Fisch als Zeichen des Christentums und die Ähre als Symbol der Landwirtschaft. Bewusst wurde seit Beginn der Arbeit trotz des christlichen Hintergrundes auf offensichtliche christliche Symbole verzichtet. 
Center of Learning and Dialogiue for peace
Katja Kriener, ebenfalls rheinische Pfarrerin, verantwortet das lokale Programm des „Center of Learning and Dialogue for Peace“. Sie stellt uns verschiedene Zielgruppen vor, mit denen sie im Rahmen ihres Auftrages zusammenarbeitet.
In Dialoggruppen, dem Herzstück der Arbeit Nes Ammims, lernen sich jüdische und arabische Bewohner des Landes kennen. Dabei geht es immer auch darum, auf einer anderen Basis die Lebenswelt des anderen kennen zu lernen.
Die Begegnungen werden durch ausgebildete Faciliator (Prozessbegleiter), die sich in ihrer Vorbereitung auf ihre Aufgaben intensiv z.B. mit dem Themen Identity (Identität) und Equality (Gleichheit/ Gleichberechtigkeit) beschäftigen und als Moderatoren ausgebildet werden. Die Seminare finden auf Hebräisch und Arabisch statt.
Der Mandelbaum blüht - Zeichen der Hoffnung
Mit Ofer Lior und Taiseer Khatib führen seit neuesten zwei örtliche Experten gemeinsam als Assistenten mit jüdischen und arabischen Hintergrund auch neue Dialogprojekte mit jungen Menschen aus den umliegenden Städten und Ortschaften durch. 
So wird neben den einmaligen Begegnungen von jungen Leuten aus der Region im Rahmen von Programmen auch in regelmäßigen stattfindenden Gruppen zusammen Englisch gelernt, getanzt und vieles mehr. Im Alltag werden Brücken zwischen palästinensischen und jüdischen Kindern und Jugendlichen gebaut. In den letzten Wochen habe ich erfahren, dass dies in anderen Teilen des Landes beinahe unmöglich ist.

In der Arbeit mit Frauen werden diese im Rahmen eines „Empowerment“-Programms begleitet.

Auch externe Gruppen aus dem ganzen Land besuchen Nes Ammim gerne als neutralen Ort. Hier können die verschiedenen Narrative zusammengebracht werden.

Eine neue und ganz andere Entwicklung ist der Bau und Verkauf von knapp 100 Häusern auf den ehemaligen landwirtschaftlichen Flächen durch einen beauftragten Investor. Hier wohnen inzwischen in unmittelbarer Nachbarschaft zumeist jüdische, aber und auch einige wenige palästinensische Familien. 


Insgesamt scheint es, dass hier, weit im Norden, wo sich Juden und Araber 
scheinbar noch mehr als anderswo im Alltag begegnen, Begegnung noch leichter möglich ist. Gut, dass es solche neutralen Orte gibt, geht mir durch den Kopf.

Kollegialer Austausch in Nes Ammim
Wir genießen während unseres Aufenthaltes die Gastfreundschaft des Ehepaares Katja und Tobias Kriener und sprechen an diesem Tag viel über die scheinbar unüberbrückbaren Gräben, die nicht nur die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen durchziehen, sondern auch die palästinensische und israelische Gesellschaft. Wir sprechen über Tabus und Ressentiments bei Begegnungen, aber auch über Beispiele gelungenen Miteinanders. Das macht Mut.

Nes Ammim ist ein Werk, das weitestgehend durch Ehrenamtliche getragen wird, was ich beachtlich finde. Wer einmal für ein Kurzzeitvolontariat oder auch für ein ganzes Jahr (oder länger) mitarbeiten möchte, dem kann ich Nes Ammim nur empfehlen. Nicht nur Land und Leute können durch das Begleitprogramm  und das Mitleben und -arbeiten kennen gelernt werden. Auch der deutsch-israelische und der innerisraelischen Dialog wird durch die Programme mitgestaltet.
BCU, 22.02.2019 

Gleich um die Ecke liegt Akko
Die weiße Moschee  
Mittelalterlisches Stadttor
Bekannt auch für die Bauten aus der Kreuzfahrerzeit

Tagesausklang vor der Rückfahrt am Mittelmeer

Mittwoch, 20. Februar 2019

LIFEGATE - Ein Tor zum Leben


Das LIFEGATE-Zentrum in Beit Jala
Ein „Tor zum Leben“ öffnen die Mitarbeitenden von LIFEGATE in Beit Jala. Sie setzen sich als eine der wenigen Akteure in Palästina für junge Menschen mit Behinderung ein. Von öffentlicher Hand gibt es bis heute so gut wie keine Strukturen und Finanzen. Häufig laufen Menschen mit Behinderungen im Alltag ohne Förderung in den Familien nebenbei mit. LIFEGATE als registrierte Nichtregierungs-organisation setzt sich für sie und ihre Familien seit der Gründung im Jahr 1991 ein.

Uns vier Pfarrern im Studiensemester empfängt Geschäftsführer Burghard Schunkert, der sich seit über drei Jahrzehnten in der Region engagiert. Von Pflegeleitung Maria, ursprünglich aus Meisen und auch schon bereits 11 Jahre im Land, werden wir später durch das neue LIFEGATE-Zentrum geführt, in dem seit dem Bezug im Jahr 2012 auf zunächst drei Etagen zahlreiche Arbeitszweige untergebracht sind. Zwei weitere Etagen könnten in weiteren Bauabschnitten aufgebaut werden.
Burghard Schunkert gibt uns an diesem Morgen nicht nur einen Einblick in das Werk, das er ins Leben gerufen hat, sondern auch in die arabische Kultur. Im Gespräch wird schnell klar, wie weit das Herz des Leiters von LIFEGATE ist: „Wir können nicht allen Anfrage auf Aufnahmen gerecht werden, aber jeden, der hier reinkommt wollen wir etwas mitgeben.“
Wir vier Kontaktpfarrer können das in den folgenden zwei Stunden, in denen wir Themen wie z.B.

  • den Wert von Arbeit (nicht nur für Menschen mit Behinderung
  • einen Einblick in palästinensische Clankultur und damit verbundene Heiratstraditionen
  • den konstitutionellen Stellenwert von Religion in der Region
  • Rollstuhlbasketball als Brücke zwischen den Religionen und Kulturen
  • aktuelle Diskussionen um die Einrichtung des Rentensystem in Palästina
  • Fairtravel in den palästinensischen Gebieten
und vieles mehr streifen hautnah erleben.
Uns werden viele Informationen, Einblicke und Eindrücke mit auf den Weg gegeben und ermöglicht.


Die Wahl des Namens LIFEGATE geht auf das biblische Wort aus dem Johannesevangelium, dass Jesus, die Tür zum Leben ist, zurück, erzählt uns Burghard Schunkert, der aus der Arbeit des CVJM stammt und durch den CVJM in Deutschland für diese Arbeit getragen wird.

Der Homepage von LIFEGATE entnehme ich folgende Selbstbeschreibung. Dort finden sich auch viele weitere Berichte und Fotos:
LIFEGATE in Beit Jala ist Zentrum und Herzstück eines weit verzweigten Rehabilitationsnetzwerkes, das sich von Ramallah im Norden bis Hebron im Süden des Westjordanlandes spannt. Unter dem Dach unseres 2012 eröffneten LIFEGATE-Hauses befinden sich Werkstätten, Therapie- und Schulräume, ein Restaurant und die Verwaltung.
Bei LIFEGATE erhalten momentan bis zu 35 Kinder im Kindergarten Frühförderung und Betreuung, etwa 30 junge Menschen mit Behinderung einen Ausbildungsplatz und bisher 60 Kinder mit Einschränkungen und Behinderung einen Schulplatz. Kompetente und erfahrene arabische und deutsche Fachkräfte engagieren sich in folgenden Arbeitsbereichen:
· Medizinische Rehabilitation
· Frühförderung
· Schulische Rehabilitation
· Mobile Hilfe vor Ort
· Berufliche Rehabilitation
· Servicewerkstatt
· Beschützende Werkstatt


Die Frühförderstelle/ Kindergarten

Mit Maria besichtigen wir die durch die eigenen Werkstätten liebevoll eingerichteten Räume der Frühförderstelle, der Schule und der Rehaeinrichtungen. In der Berufsausbildungswerkstatt werden rund 40 junge Menschen in vierzehn Handwerksberufen für die Arbeiten an Strickmaschinen, Sticken, in der Metallwerkstatt oder Kochen ausgebildet. Beim Mittagessen können wir die Kochkunst selbst erleben. Einer der Mitarbeitenden der Schreinerei
Arbeit in der Schreinerei
zeigt 
uns sichtbar stolz, wie er Olivenholz zu Weihnachtsschmuck verarbeitet. Der Ertrag von den in den Werkstätten erzeugten Waren trägt erheblich zur Gesamtfinanzierung des Werkes bei. Ein Drittel zur Finanzierung wird so durch Eigenleistungen erwirtschaftet, ein Drittel durch Spenden und ein Drittel durch größere Stiftungen. 
Ich kenne den Wert von Arbeit (nicht nur) für Menschen mit Behinderungen aus der Zeit meiner Tätigkeit bei der Lebenshilfe in
Handwerk in der Stickerei
Deutschland, bei der ich in meiner Wetzlarer Zeit im Wohnhausbereich tätig war. Arbeit gliedert nicht nur den Tagesablauf, sondern ermöglicht auch Teilnahme an der Gesellschaft. Im wirtschaftlich schwachen Palästina tragen zusätzlich die Mitarbeitenden in den Werkstätten zum Lebensunterhalt ihrer Familien bei. Für mich ist das ein doppelter Lichtblick: Diejenigen, die leicht abgestempelt werden, zeigen sich selbst und ihrem Lebensumfeld, was in Ihnen steckt und dass es viele Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Gestaltung in Palästina gibt.
„Ziel ist es, dass die hier Ausgebildeten nachher auf dem freien Markt Arbeit finden“, erfahren wir. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit in Palästina, einem Land, in dem mancher Arbeiter wie zu biblischen Zeiten am Morgen als Tagelöhner und ohne zu wissen, ob er heute eine Arbeit findet, aus dem Haus geht, kein leichtes Unterfangen.
Ich nehme mir gerne den Katalog mit den handwerklich hergestellten Produkten aus den Werkstätten mit, die man auch über den Versand in Deutschland beziehen kann. Das nächste Weihnachtsfest naht schneller als man denkt.
Das neue Gästehaus in Bethlehem
Im LIFEGATE Haus arbeiten neben den Mitarbeitenden mit Behinderung Anleiter und pädagogische Kräfte, zumeist Christen, die sich für die medizinische, berufliche und soziale Rehabilitation junger Palästinenser mit Behinderung einsetzen. Außerdem wurde inzwischen ganz in der Nähe der Geburtskirche im nahen Bethlehem ein eigenes Gästehaus, in dem nicht nur Gruppen, sondern auch Individualreisende übernachten können, eröffnet.

„Das Leid verbindet“ ist ein Satz der mir von diesem Besuch nicht mehr aus dem Sinn geht. Er wurde von Burghard Schunkert ausgesprochen, als er uns erklärte, dass die Diagnostik für die Kinder und Jugendlichen mangels qualifizierten Fachpersonal vor Ort in Jerusalem an einem israelischen Krankenhaus und durch israelisches Fachpersonal durchgeführt wird, während die Therapie dann im Haus in Beit Jala erfolgt. Hier wird in der Zusammenarbeit eine Brücke der Menschlichkeit zwischen Israelis und Palästinensern gebaut. Manche der palästinensischen Familien begegnen so zum ersten Mal einem Israeli, der nicht ein Gewehr in der Hand, sondern ein freundliches Lächeln im Gesicht hat. 
Solche Geschichten habe ich schon an anderen Stellen gehört. Was für ein zerrissenes Land, denke ich. Die Arbeit von LIFEGATE öffnet solche Tore zum Zusammenleben nebenbei und ermöglicht Begegnungen. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass die Schwachen der Welt es den Starken vormachen, wie Mitmenschlichkeit aussehen kann. Der Besuch hinterlässt zumindest bei mir einen starken Eindruck.
BCU, 19.02.2019

Dienstag, 19. Februar 2019

Best of two worlds - das Bildungszentrum Talitha Kumi

Es gibt in Israel und Palästina zahlreiche Organisationen, Initiativen und Projekte, die sich über das Land verteilt für Menschen gleich welcher Herkunft einsetzen. Einige, deren beeindruckende Arbeit ich vor Ort bereits besucht habe oder noch besuchen werde, möchte ich in den Beiträgen vorstellen.

Heute: Das Bildungszentrum Talitha Kumi in Beit Jala

Excellente Auslandsschule und mehr
Talitha Kumi ist ein Bildungszentrum in Beit Jala im palästinensischen Autonomiegebiet mit einer "Exzellenten Deutschen Auslandsschule", einem Kindergarten, einem Gästehaus, einer Hotelfachschule mit Dualer Ausbildung und einem Mädcheninternat.
Die Einrichtung, die seit über 150 Jahren erst in Jerusalem und seit 1950 in Beit Jala nahe Bethlehem besteht, ist aber noch viel mehr, nämlich ein Ort der täglichen Begegnung zwischen palästinensischen Moslems und Christen. In Talitha Kumi werden derzeit ungefähr 900 Schülerinnen und Schüler vom Kindergarten, über Grundschule bis zur zwölften Klasse von über 50 Lehrern nach dem palästinensischen Lehrplan unterrichtet. Über 50 % davon sind muslimisch und unter 50 % christlich, die Hälfte Jungen und die Hälfte Mädchen. 


Lernen fällt leichter in einer angenehmer Lernumgebung
An der deutsche Auslandsschule können Schülerinnen und Schüler den international anerkannten Bildungsabschluss „Deutsche Internationale Abiturprüfung“ (DIA) erlangen. Diese Qualifikation eröffnet palästinensischen Schülerinnen und Schülern den Zugang zu allen Universitäten der Welt. Daneben ist weiterhin das Ablegen des palästinensischen Abiturs „Tawjihi“ möglich, eine landesweite Zentralprüfung, die vom palästinensischen Erziehungsministerium nach Beendigung der 12-jährigen Schulzeit durchgeführt wird.

Das könnte sich auch so in einer Schule in Deutschland finden
Wer hier sein Abitur macht hat eine hervorragende Ausbildung und gute Chancen auf dem Berufsmarkt. Unlängst hat ein ehemaliger Schüler Talitha Kumis sein Zahnmedizinstudium als Jahrgangsbester seines Universitätsstudium abgeschlossen. Licht und Schatten liegen hier jedoch dann auch nahe beieinander: Einige Schülerinnen und Schüler gehen zum Studium ins Ausland. Mit Bedauern wird hier vor Ort bei aller Freude über den Erfolg dabei wahrgenommen, dass davon viele nicht zurück nach Palästina kommen, sondern als gut ausgebildete Persönlichkeiten in anderen Teilen der Welt ihren Lebensmittelpunkt finden. Dabei hätte Palästina gut ausgebildete Fachkräfte nötig. 

Kleiner Exkurs: Da sehr viele christliche Palästinenser das Land verlassen, sank in den letzten Jahren der Anteil der christlichen Bevölkerung von 2% auf vermutete 1%. Beit Jala ist wie Bethlehem und Beit Sahour noch mehrheitlich christlich geprägt. Hier leben 80% christliche Palästinenser und 20% muslimische Palästinenser friedlich zusammen. Jüdischen Israelis ist die Einreise in die palästinensischen Gebiete der A-Area übrigens strengstens verboten. 

Das Gästehaus ist gleichzeitig ein Begegnungszentrum

Im Gästehaus gastieren Menschen und Gruppen aus aller Welt, sei es weil sie zu Besuch im Heiligen Land sind oder zu einem Seminar oder einer Begegnungstagung nach Talitha Kumi kommen.
Der heutige Flecken Land, auf dem Talitha Kumi liegt, ist dafür Bestens geeignet und symbolträchtig: Auf einer Bergkuppel gelegen befindet sich der offizielle Eingang an einer Straße gelegen, die zur C-Area der palästinensischen Gebiete gehört. Ein weiterer Eingang ermöglicht Schülerinnen und Schülern aus der A-Area aufs Schulgelände zukommen.

"Die Bildung in Talitha Kumi ist eng mit christlichen Werten verbunden, mit der Begegnung und gegenseitigem Respekt der Religionen und Kulturen, mit der Mädchenförderung, mit der Inklusionsidee durch individuelle Förderung und schließlich mit der dualen beruflichen Bildung in einem Teilbereich der Schule. Die in Talitha Kumi vermittelte Bildung und Friedenserziehung tragen zur nachhaltigen Entwicklung Palästinas bei und sind ein kirchlicher und in Kooperation mit unseren palästinensischen Partnern und Freunden ein politischer Beitrag der Deutschen Auswärtigen Kulturpolitik zur Förderung des Friedens im Nahen Osten.", schreibt Schulleiter Matthias Wolf in seinem Grußwort auf der Homepage des Bildungszentrums, auf die ich hiermit für mehr Informationen und bildliche Eindrücke hinweise. 
Matthias Wolf ist seit einem halben Jahr Schulleiter und damit zuständig für zahlreichen Angestellten im Bildungswerk, allein rund 60 pädagogische Kräfte (gut palästinensische Lehrkräfte und 8 Deutsche). 
Schulleiter Matthias Wolf mit dreien von vier Kontaktpfarrern
Er führt unsere kleine Studiengruppe übers Gelände. Sein Anliegen ist es das "Best of two worlds" zusammenzuführen. Im Gespräch bezieht er dies auf den Beitrag der Erfahrungen aus dem deutschen Bildungssystem und den Erfahrungen der lokalen Pädagogen, aber mir kommt gleich in den Sinn, dass dieser Satz für vieles in diesem Land gelten könnte. Dabei gilt es viele Herausforderungen zu meistern, verrät er uns:Wir sprechen darüber, was die Menschen vor Ort bewegt, Kulturunterschiede, die beiden Abiturzweige der Schule und den arbeitsintensiven, aber auch erfolgreichen Weg zum Gütesiegel "Exzellente Deutsche Auslandsschule", das Talitha Kumi führen darf.
Sein Blick ist aber nicht nur auf das große Ganze gerichtet, sondern immer wieder auf das Detail. In der ansprechend durch Spendengeldern eingerichteten Bibliothek kann ich mir vorstellen, dass das Lesen den Schülerinnen und Schülern Freude bereitet.
Solche schöne Orte möchte Schulleiter Matthias Wolf noch mehr realisiert sehen und hofft dabei auf Spenden und Unterstützung, denn alleine kann das Werk dies nicht stemmen. Auf der Wunschliste stehen vom Begegnungscafé bis hin zur schöneren Gestaltung der Inneneinrichtungen noch einige Vorhaben. 


Schüler haben eine Wand der Schule gestaltet
Ich gewinne den Eindruck, dass hier an dieser "Begegnungsschule" viel zu moderieren, zu motivieren, zu planen und zu gestalten ist. Dass dies über so viele Jahrzehnte immer wieder gelingt - trotz der Herausforderungen des Umfeldes - scheint mir fast etwas wunderbar. Aber der Name von Talitha Kumi verweist ja auch auf eine wunderbare Begebenheit, die der Evangelist Markus erzählt: Bei der Auferweckung der Tochter des Jairus ergriff Jesus das Kind bei der Hand und sprach: „Talitha Kumi! - das heißt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!“ (Markus 5, 41).

Es wäre schon wunderbar, wenn es in diesem Land häufiger gelingen würde das Beste der verschiedenen Welten zu verbinden. Dann würde es häufiger heißen, "Best of two, three or more worlds". Vielleicht ist ja gerade diese Einstellung ein Schlüssel zu einem friedlichen und konstruktiven Miteinander. Jeder hat etwas, was er oder sie in das gemeinsame Ganze einbringen kann.
BCU, 18.02.2019

Sonntag, 10. Februar 2019

Shabbat Shalom - Gedanken über den Sinn von Ruhetagen


Pause muss sein! Hier im Straßencafé Levinsky in Tel Aviv
Ein sehr kreativer Umgang mit der engen Raumsituation


Bei meinem Aufenthalt in Jerusalem bin ich sehr froh, dass sich zu Mitmenschen aus verschiedenen Kontexten Kontakte ergeben. Naturgemäß war es recht leicht für mich, in die christliche Lebenswelt einzutauchen. Aber auch von der palästinensischen und der israelischen Gastfreundschaft habe ich ja auch schon berichten können. 

Nachdem ich in der letzten Woche durch Exkursionen nach Hebron und ins ehemalige Palästinenserdorf Lifta sowie durch ein Islamseminar mit Besuch auf dem Berg der Heiligtümer zuletzt viel mit der arabischen Geschichte Jerusalems und des Landes beschäftigt war, prägten Begegnungen mit jüdischen Mitmenschen und der israelischen Geschichte (inklusive des Besuches der Gedenkstätte Yad Vashem) diese Woche. Aus der Fülle der Eindrücke greife ich in dieser Woche einmal das Thema Shabbbat hervor.

Sehr dankbar bin ich für einen Kontakt mit dem bereits erwähnten Oded Peles, seines Zeichens angehender Rabbiner, der sich Zeit genommen hat, uns Kontaktpfarrern nicht nur das Dorf Ein Kerem zu zeigen (aus dem Johannes der Täufer stammen soll), sondern auch mit uns über jüdische Bräuche und Gewohnheiten zu sprechen. Immer wieder kommt er dabei auf den Schatz des „Sabbattages“ zu sprechen, der er besonders schätzt. Ich hake nach und will genau wissen, warum er diesen Tag so in Ehren hält. Bereits am Donnerstag hört man hier auf den Straßen an vielen Orten ein Shabbat Shalom zum Gruß. Oded verrät uns, dass für jüdische Familien bereits viel früher, nämlich spätestens ab Dienstag die kommende Shabbat-Feier ein wichtiges Thema ist. Viele Juden feiern den Shabbat im Rahmen ihrer Familie oder mit Freunden. Das muss organisiert werden.
Der Shabbat beginnt gemäß des biblischen Schöpfungsberichtes am Abend: Aus Abend und Morgen wird der erste Tag (Genesis 1, 5). Dementsprechend beginnt auch der siebente Tag der Woche mit dem Sonnenuntergang. Der Shabbat geht somit vom Sonnenuntergang am Freitagabend bis zum Sonnenuntergang am Samstagabend. Er wird mit dem Besuch von Gottesdiensten und gemeinsamen Essen gefeiert. Vorher wird gemeinsam die Wohnung gereinigt, gekocht und sich festlich gekleidet. Der Abend beginnt, wenn man einen grauen Wollfaden nicht mehr von einem blauen unterscheiden kann.
Der Synagogengottesdienst am Freitagabend im bet knesset, im Haus der Versammlung, wie die Synagogen im hebräischen bezeichnet werden (alternativ bet tefillah, Haus des Gebets) beginnt mit dem Kabbalat Schabbat (Empfang des Sabbats) u.a. mit gesungenen Psalmen und dem traditionellen Shabbatlied Lecha Dodi. Der Sabbat wird wie eine Braut begrüßt, je nach Tradition sehr unterschiedlich wie ich gleich aus eigener Erfahrung berichten werde. Das synagogale Abendgebet ist am Sabbat um einige Teile gekürzt, die etwa Sorge und Schuldbekenntnis enthalten, und um Sabbattexte erweitert. In manchen Synagogen wird der Kiddusch gesprochen, der Segensspruch über einen Becher Wein, gefolgt vom Trinken desselbigen, in der Praxis aus kleinen Bechern.
Ich habe an allen vier Freitagen, die ich bisher hier im Lande bin, an Shabbatfeiern teilgenommen und in drei Synagogen feststellen können, wie unterschiedlich sich das entfalten kann:
In der kleinen reformierten Synagoge Kehilat Har-El wurde viel gesungen, einmal sehr stilvoll mit Harfe und Chor, das andere Mal einfacher mit Gitarre. Es ging auf der einen Seite sehr locker zu und doch feierlich und liturgisch. Männer und Frauen saßen in dieser reformierten Synagoge zusammen. Für Gäste wurden die Seitenzahlen im Hebräisch – Englischen Gottesbuch angesagt.
Die große Synagoge - Vor Beginn des Shabbats
In der Großen Synagoge wurde auf orthodoxe Art und Weise sehr feierlich und traditionell gefeiert. Die Frauen saßen getrennt auf der Empore. Hier ging es sehr liturgisch zu.
In der reformierten Synagoge Kehilat Zion, über die ich bereits zuvor berichtete, erlebte ich die Begrüßung des Shabbat sehr spirituell. Hier wurden sehr lebhafte und auch besinnliche Lieder sehr innerlich gesungen. Fast schon mystisch möchte ich diese Atmosphäre nennen. In dieses Bild passt auch, dass der Sabbat wie eine Braut mit dem Worten des Hoheliedes begrüßt wurde.
Alle drei Synagogengottesdienste haben die Freude an der Begrüßung des nun kommenden Ruhetages gemeinsam.

Übereinstimmend erzählen mir Gesprächspartner, dass das dem Shabbat Kabbala folgende Abendessen für sie ein Höhepunkt des Shabbats ist. Gemeinsam wird in den Häusern bereits vorbereitetes gegessen. 
Die traditionelle jüdische Sabbatfeier beginnt am Freitagabend zu Hause mit dem Sabbatsegen (Kiddusch) und einem Festmahl.
Wer sich an die Shabbatregeln hält, darf nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr arbeiten und auch keine Tätigkeiten mehr verrichten, die gemäß der überlieferten Lehre der Halacha als Arbeit gelten. Dazu gehört auch Kochen, ein Licht entzünden, Schreiben, aber auch aktualisiert für unsere Zeit Photographien, Telefonieren oder am Computer surfen.
Das ist manchmal nicht einfach, bekomme ich zu hören, weil man vorher alles organisieren und z.B. das zuvor gekochte Essen warmhalten muss, aber der Gewinn durch diese Regelung ist groß. Man hat wirklich Zeit füreinander zum Gespräch. Man kann in Ruhe ein Buch lesen, ist nicht vom Alltag abgelenkt.
Die Arbeitswoche wird am Shabbat außen vorgelassen. Manches wie das Regeln der Lichter mit Zeitschaltuhren kommt mir etwas eng vor, aber ich beginne den Zauber des Shabbat zu verstehen. Wie viele Menschen kenne ich, die sich über die ständige Erreichbarkeit des Smartphones beschweren. Es einfach mal einen Tag zur Seite zu legen, kann ich mir sehr gesund vorstellen.
Im Mittelpunkt des Gottesdienstes am Samstagmorgen steht die Thora-Prozession, gefolgt von Schriftlesungen und Gebeten. Die Thora, also die fünf Mose, sind für gläubige Juden ein zentrales Element ihres Glaubens. Während zum Beispiel die 150 Psalmen als Sammlung von Liedern aus dem Alltag vieler Glaubenden genommen werden, sind die Schriften der Thora als Weisung und Lehre, Wort Gottes an für sich.
Dieses muss immer wieder gelesen und gedeutet werden. Im Laufe der Jahrhunderte sind um die Thora mit der Mischna und dem Jerusalemer und dem babylonischen Talmud Auslegungen entstanden, in den Rabbinen die Worte der Thora immer und immer wieder interpretiert haben.

Auch zur Zeit Jesu war dies übrigens üblich und so wird Jesus von seinen Jüngern als Rabbi bezeichnet. Weitere Gelehrte wie Rabbi Gamaliel werden auch in der Bibel erwähnt. Andere wird Jesus vermutlich gekannt oder von Ihnen gehört haben. So finden sich Parallelstellen aus der Predigt Jesu bei Rabbi Hillel, der vor Jesus bzw. zeitgleich (er starb im Jahr 9. N. Chr. ) gelebt hat. Bei aller Originalität ist Jesus Kind einer langen jüdischen Lehrtradition.
Die rabbinische Welt habe ich bereits während meines Studiums kennen gelernt. Ich lese in diesen Tagen immer wieder in der Mischna, die zwischen dem 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und dem 2. Jahrhundert danach entstanden ist. Manches Wort Jesu erstrahlt vor diesem Hintergrund in einem neuen Licht.
Zurück zum eigentlichen Thema: Das Mittagessen am Shabbat ist dann ein erneuter Höhepunkt. Auch am Nachmittag besteht die Möglichkeit eines Synagogengottesdienstes. Ein Abendessen schließt den Tag ab.
Wer sich an die Shabbatregeln hält, so wie es orthodoxe oder auch konservative Juden tun, verlässt seine Stadt nicht, erklärt mir Oded. Um jede Stadt ist ein Band gespannt.  Darüber hinaus darf man nur 1000 Schritte tun. Das bedeutet für manche Stadtteile und diejenigen, die sich daran halten: 24 Stunden absoluter Stillstand! Bereits ab 14 Uhr am Donnerstag schließen die Geschäfte. Mit Beginn des Shabbat fahren keine Busse. Der ultraorthodoxe Stadtteil Mea Shearim wird sogar abgeriegelt, hier darf auch nicht Auto oder Fahrrad gefahren werden. Wer photographiert wird darauf angesprochen, dass er dies zu unterlassen hat.
Reformierte Gemeinden dagegen überlassen es ihren Mitgliedern inwiefern sie den traditionellen Geboten folgen. Aber auch hier spielen ethische Ordnungen eine wichtige Rolle.
Nach dem morgendlichen Synagogengottesdienst folgen beim Mittagessen in den Häusern weitere Schriftlesungen und das Mincha-Gebet, abends beim Schein der Hawdala-Kerze nochmals ein Weinsegen und der gegenseitige Wunsch für eine „Gute Woche“.
Clock Tower Jaffa -
einer von sieben Uhrentürmen
aus der osmanischen Zeit
In der Praxis bin ich von diesen Regelungen bisher nicht besonders betroffen. Ich habe stets im Vorfeld einiges zur Verpflegung eingekauft und Reisen mit dem Bus nicht für den Shabbat geplant. Die Atmosphäre in jüdisch geprägten West-Jerusalem verändert sich aber deutlich. Ganz anders als übrigens im  muslimischen und christlichen Teil der Altstadt und Jerusalems. Hier herrscht business as usual, wie ich bei meinen Spaziergängen erlebe. Hier fahren auch Busse und Taxen. Und mit der Zeit erfahre ich auch, dass es Notbusse mit arabischen Fahrern im westlichen Teil der Stadt gibt und auch Cafés und Restaurant jüdischer Besitzer geöffnet haben. So unterschiedlich kann die israelische Gesellschaft sein! 
Durch die kulturelle Vielfalt kann man sich also auch ganz gut und auch ohne Familienanschluss den Shabbat in Jerusalem die Zeit vertreiben. Dennoch macht mich das Gehörte und Erlebte nachdenklich: Ein wirklicher Ruhetag in der Woche, in dem man sich nicht mit Aktivitäten selbst das Leben schwermacht. Auch ich bin allzu häufig sieben Tage die Woche mit Arbeit und Profanen beschäftigt. Hier tuen mir dagegen die Zeiten zwischen Seminaren und Exkursionen und eigenem Studium gut.
Auch wenn ich wie Jesus meine, dass der Shabbat für den Menschen geschaffen wurde und nicht der Mensch für den Shabbat (Markus 2, 27), so ist ein konsequenter Ruhetag schon von kostbarem Wert. Für Christen ist es der Sonntag, der an die Auferstehung Jesu am dritten Tage erinnert. Er wird immer mehr preis gegeben zugunsten von verkaufsoffenen Sonntag oder anderen Aktivitäten. Und zu Lasten von Angestellten und eigentlich auch von Konsumenten. Gesunder wäre eine wirkliche Auszeit. Nicht umsonst erinnern die Kirchen an die Wichtigkeit von Ruhepausen.
Die Mandelblüte in Ein Kerem beginnt
Seit Jahrtausenden wissen die Menschen um die heilsame Wirkung und menschenwürdige Dimension eines Ruhetages. nach
Selbst die Schöpfungsgeschichte mündet in Gottes Ruhe nach seinem Sechstagewerk: „Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte“ (Genesis 2, 2f. EU).
In den 10 Weisungen/Geboten ist es das dritte Gebot. Auf ihn liegt ein besonderer Segen: „Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn“ (Exodus 20, 8 Luther).
Abendlicher Blick aus meiner Klosterzelle
Das hebräische Wort Shabbat bedeutet „aufhören“ und „ruhen“. Manchmal im Leben muss man auch Loslassen können, geht mir durch den Kopf. Da kann ein Tag der Ruhe, ein Einschnitt im Arbeitsleben, sehr hilfreich sein, um sich Gedanken darüber zu machen, was einem wichtig ist und was man getrost in der letzten Woche zurücklassen kann.
Für mich fühlt sich die bisher erlebte Shabbatruhe gut an. Im Rahmen meines gesamten dreimonatigen „Sabbaticals“ sind es noch einmal besondere kleine Inseln der Ruhe und Besinnung. Besonders mag ich die bewusste Begrüßung des Feiertages durch Lieder und die damit verbundene Wertschätzung. Ich fange an nachzuvollziehen, warum Oded den Shabbat so wertschätzt.
BCU, 10.02.2019


Tal der Gemeinden in Yad Vashem

Hier wird der 5000 zerstörten Synagogengemeinden
während des Naziregimes gedacht




Sonntag, 3. Februar 2019

Wem gehört das Land? – Eine Annäherung


Der erste blühende Mandelbaum
auf meinem Weg...
Es ist eine der zentralen Fragen, der man sich bei einem Aufenthalt im vom Libanon, Syrien, Jordanien und Ägypten umgebenen Landstrich, den ich in diesen Monaten besuche, nicht entziehen kann. Es ist eine der zentralen Fragen der Region, weil sie die meisten Menschen persönlich und auch existentiell betrifft: Wem gehört das Land zwischen Mittelmeer und Jordan? Zwischen Hermon und der Wüste Negev. Den Palästinensern oder den Israelis? Von diesen beiden Seiten werden zumindest die lautesten Ansprüche gestellt. Und wie ist es eigentlich mit den Golanhöhen, die international anerkannt ein Teil Syriens sind, sich seit 1967 großteils jedoch unter israelischer Kontrolle befinden. 
Zugegebenermaßen habe ich heute lange gezögert, diese heiße Frage (so früh) in diesem Blog zu thematisieren. Aber ich komme nicht drum herum, mich aufgrund der vielen unterschiedlichen Begegnungen zumindest dem Thema anzunähern.

Ich bin aus zwei Gründen dabei sehr froh, dass ich persönlich nicht unmittelbar von dieser Frage betroffen bin: Zum einen bin ich Europäer. Meine Heimat ist klar definiert und meine Rechte als Deutscher Staatbürger werden von niemanden ernsthaft angezweifelt. Weder von den vier alliierten Großmächten, die nach dem zweiten Weltkrieg noch von den neun Anrainerstaaten, die mein Geburtsland Deutschland umgeben.
Zum anderen bin ich Christ und kann mit den Worten des Paulus aus seinem Philipperbrief Phil 3, 20) sprechen: „Wir aber sind Bürger im Himmel“. Im Hebräerbrief findet sich zudem der Gedanke, dass wir hier „keine Stadt, die bestehen bleibt” haben (Hebr. 13,14). Insofern wäre ich bei der Landfrage fein raus, denn sie ist für mich persönlich aus meinen Selbstverständnis nicht relevant und identitätsstiftend.

„Wäre“ schreibe ich, wären da nicht Menschen, die persönlich davon betroffen sind. Die Bezeichnung „Menschen“ scheint mir dabei ein entscheidender Begriff für die Bewohner dieser Region zu sein, egal in welchem Gebiet sie gerade wohnen. Nicht Volksgruppen oder Nationen, sondern Kinder, Jugendliche, Mütter und Väter, Alleinlebende oder in Familiengefügen zusammenlebende, Großeltern. Lachenden, Weinende und Trauernde. Sehnsüchtig nach Leben suchende. Verletzte und Enttäuschte. Menschen, die sich über gute Worte freuen, über Musik, Sport, gutes Essen und Trinken oder über einen blühenden Mandelbaum.
Auch wenn ich mich als Europäer gut zurücklehnen könnte, kann ich es nicht, weil ich nicht so herzlos sein könnte, um zu sagen: Das hat nichts mit mir zu tun. Es hat etwas mit mir zu tun, weil es um meine - wenn auch sehr weit entfernten – Verwandten und Mitmenschen geht. Dabei werde ich mit dem folgenden Bericht über einige Begegnungen ganz sicher keine Antwort auf die als Überschrift gestellte Frage geben können und wollen. In der vierten Woche meines Aufenthaltes hier vor Ort wird mir aber die Brisanz dieser Frage durch verschiedene Vorträge, Exkursionen und Seminare vor Augen gemalt.
Ich begegnete Palästinensern und Israeliten, las in der biblischen Thora (den fünf Büchern Mose), der Mischna und im Koran. Besuchte eine Synagoge, eine Moschee, mehrere Kirchen und – nicht weniger wichtig - Cafés.

Und das konnte ich dabei erleben und beobachten:


Die Geburtskirche in Bethlehem


Ein Tag in Bethlehem
An dieser Stelle wurde der Überlieferung
nach Jesus geboren
In einem Café in Bethlehem verbrachte ich zwei Stunden mit einer Lehrerin aus dem nahen Beit Jala, die ich im letzten Jahr in Witten kennen gelernt habe. Dreimal im Jahr bekommt sie als Palästinenserin für einige Wochen die Erlaubnis, das 8 km entfernte Jerusalem und die israelischen Gebiete zu besuchen. Die restliche Zeit ist sie von diesem Teil des Landes abgeschlossen. Ich bewege mich dagegen mit meinem deutschen Pass in allen Gebieten der Region frei. Ich bin etwas beschämt, wenn ich daran denke, denn ich besitze als Gast mehr Rechte als eine Frau, die hier in der Region geboren wurde und wohnt.


Den Abend verbringe ich bei einer christlich-palästinensischen Familie. Vor 15 Jahren hatte ich zwei der Söhne in Witten kennen gelernt, die nun junge Männer und Familienväter sind. Ich erlebe eine weltoffene Familie, die mit allen Menschen aus ihrem Umfeld
Gastfreundschaft in Beit Sahour
zusammenleben möchte, egal welcher Herkunft oder Religiosität diese sind. Mit orientalischer Gastfreundschaft werde ich in die Familie an diesem Abend aufgenommen und erlebe einen kulinarisch leckeren und vom Gespräch her intensiven Abend. Ich spüre in dieser Familie, die seit Jahrhunderten in der Region verwurzelt ist, den Wunsch, dass Frieden herrsche.

Eine christliche Reflektion über Land im heutigen Israel/Palästina
Beim Gemeindeabend der Ev. Erlöserkirche spricht mit David Mark Neuhaus ein jüdisch-stämmiger Referent, der in Israel geboren wurde, dessen Familie aber seit Jahrhunderten urkundlich verbürgt in Norddeutschland verwurzelt war, In den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden sie von dort vertrieben.
David Mark Neuhaus, seines Zeichens israelischer Jesuit und Patriarchalvikar für die hebräisch-sprechenden Katholiken, nennt die Thematik des Landes in seinem Vortrag mit dem Thema „A Christian reflection on land in Israel-Palestine today“ eine sensible Thematik. Er meint, dass eine wörtliche Übertragung des Josuabuches auf die heutige Zeit keine Antwort sein kann. Stattdessen ruft er in Erinnerung, dass Ismael und Isaak Brüder waren und das prominente Vorfahren im Stammbaum Jesu wie die Moabiterin Ruth oder die aus Jericho stammende Rahab aus nichtjüdischem Umfeld kamen. Diese Reihe könnte man mit Tamar und Batseba fortsetzen. Auch die Midianiterin Zipora, die Frau des Mose, fällt mir in diesem Zusammenhang ein. Er erwähnt auch die grenzüberschreitenden Erfahrungen des Petrus mit dem Hauptmann Kornelius aus Cäsaräa. Petrus springt nach einer Vision und den Besuch dreier Botschafter über seinen Schatten und nimmt Kontakt mit einen für ihn andersgläubigen Heiden auf, ein Tabu für ihn als frommen Judenchristen (Apostelgeschichte 10-11)! Petrus steht aber seinen Glaubensgenossen gegenüber zu dieser Grenzüberschreitung. Davids Neuhaus Ansicht nach, so wie ich ihn verstanden habe, ist es gegen den christlichen Ansatz Grenzen zu heiligen. Christen sind dagegen Grenzgänger.


Eine Mauer rund um Rahels Grab in Bethlehem und quer durch Hebron
Auf dem Weg zu Rahels Grab (rechts)
Auf offensichtliche Grenzen treffe ich bei einer Exkursion nach Bethlehem. Durch die geschichtlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte wurde quer durch das Land eine sogenannte Sicherheitsmauer gebaut. Referentin Tamar Avraham führt uns zum Grab Rahels und an die Grenze von Bethlehem, durch die Stadt Hebron und zu Siedlungsgebieten, in denen israelische Siedler und palästinensische Dorfbewohner nahe beieinander wohnen. Sie erklärt die Aufteilung des Westjordanlandes: Die A-Gebiete stehen unter der Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde und bestehen aus den größeren Städten. In den B-Gebiete haben die Palästinenser die administrative und Israel die Sicherheitskontrolle. Das C-Gebiet steht zivilrechtlich und auch in Sicherheitsbelangen unter israelischer Kontrolle.
Abrahams, Saras und anderer Erzeltern Grab 
in Hebron. Unter dem Bau des Herodes 

liegt die Höhle Machpela


Abrahams Grab - Die eigentliche Grabeshöhle
Machepela, 
die Abraham erworben hat,
liegt einige Meter tiefer


Hebrons ehemalige Hauptstraße -
Heute ist Hebron eine geteilte Stadt
Sie erwähnt die historischen Gründe zum Mauerbau und gibt Informationen über aktuelle Ereignisse. Manches kenne ich aus Zeitungen, Berichterstattungen oder Erlebnisberichten. Es kommt trotz der relativ ruhigen Lage immer wieder zu Übergriffen und Aggressionen in beide Richtungen. Sie braucht gar nicht viele Worte drum herum zu machen, das Erlebte spricht für sich. Das kann doch nicht schön für Menschen sein, egal welcher Seite oder Auffassung, denke ich mir. Wie groß und emotionsgeladen muss dieser Konflikt sein? Wer schlägt die Brücke zum anderen? Geht das überhaupt? Doch es gibt sie zum Glück, diese Brückenbauer. In den nächsten Wochen werde ich einige besuchen, die in Friedensdörfern oder auch in Schulen, an denen Menschen unterschiedlicher Religionen und Zugehörigkeiten unterrichtet werden, leben und arbeiten. Ich freue mich auf die Begegnungen. 

Gebet von Menschen verschiedener Religionen für Frieden

Eine Landschaft wie im Psalm 23 -
Aufgenommen in Hebron

Eine kleine Gruppe von Friedenssuchenden konnte ich bereits in der letzten Woche kennen lernen: An einem Nachmittag nehme ich an einem monatlich stattfindenden Begegnungstreffen und Friedensgebet mit Teilnehmenden aus Judentum, Christentum und Islam teil.
Diese Veranstaltung hat immer folgenden Ablauf: Man trifft sich an einem Ort in Jerusalems Altstadt. Als ich daran teilnehme, haben sich gut 20 Personen versammelt. Von dort läuft man eine Weile zu zweit mit einem Teilnehmenden, den oder die man nicht kennt und tauscht sich aus, woher man kommt und wer man ist. An dem Zielort des Spaziergangs, an diesem Tag einer Aussichtsplattform nahe Davids Grab, gibt es einen kurzen Wortbeitrag zu einem Thema. Nach und nach erzählen drei Vertreter des Judentums, des Christentums und des Islams, was sie mit dem Thema Hoffnung verbinden. Anschließend wird in den Religionsgemeinschaften separat für den Frieden im Land gebetet. In einer Abschlussrunde werden Einladungen ausgesprochen und Informationen ausgetauscht. Mit einer Stille wird das einstündige Treffen abgeschlossen. Bei diesem Gebetstreffen spreche ich mit einem Moslem aus der Nähe von Hebron und seiner Frau. Warum beten die beiden zusammen mit Menschen anderer Religionen? „Weil sie an die Kraft des Gebetes glauben und für wichtig halten, dass es zu wirklichen Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen kommt“, antworten sie. Bei diesem Friedengebet treffe ich auf sehr friedliche Menschen, die ein Herz für ihre Stadt und den Frieden haben. Ihr Ziel ist es, durch die gemeinsame Begegnung Ängste zu überwinden.

Überwinden von Ängsten und Vorurteilen durch persönliche Begegnung
Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass Fremdes nicht nur faszinierend auf Menschen wirkt, sondern auch Angst machen kann. Insofern ist es sicherlich sinnvoll, dem anderen immer wieder zu begegnen. Neben dem Besuch von vielen christlichen Gottesdiensten in diesen Wochen habe ich auch die Gelegenheit, mich mit dem Islam und dem Judentum auseinanderzusetzen.
Ein besonderer Höhepunkt war in diesem Zusammenhang ein Seminar zum Thema „Islam“ mit Prof. Dr. Angelika Neuwirth, die seit Jahrzehnten u.a. eine Expertin in Sache Koranauslegung ist. Neben einem kurzen Ritt durch die Auslegungsgeschichte des Korans liest unsere kleine Studiengruppe sehr viel im Quelltext (der deutschen Übersetzung) des Korans, der innerhalb von zwei Jahrzehnten zu Beginn des 7. Jahrhunderts durch Mohammed überliefert und später aufgeschrieben wurde. Die Islamvorlesungen im Rahmen meines Theologiestudiums liegen inzwischen 20 Jahre zurück und ich muss noch mal tief im Gedächtnis wühlen und zusammenkratzen, was mir in Erinnerung geblieben ist. Wenig überrascht bin ich davon, dass es in den 114 Suren des Korans viel um das Leben eines Gerechten und um Gehorsam geht. Auch war mir noch bewusst, dass Jesus als Prophet im Koran hochgeachtet wird oder z.B. von der Jungfrauengeburt durch Maria ausgegangen wird. Beim Lesen im Detail wird mir nun aber zum ersten Mal richtig bewusst, wie detailliert sich der Koran mit den Theologien seiner Zeit auseinandersetzt. So finden sich Abgrenzungen zum christlichen, nicänischen Glaubensbekenntnis, wohingegen beim Glaubensbekenntnis der jüdischen Tradition, dem Shema Yisrael, bis hin zum Wortgebrauch eine recht große Verwandtschaft herrscht. Ich nehme mir die Zeit und lese parallel in manchen Suren. Großer Wert wird wie geschrieben auf das Leben eines Gerechten gelegt. Mit den Ungerechten wird dagegen hart ins Gericht gegangen. Es wird zu Demut und gerechten Leben aufgerufen. Es wird über die Barmherzigkeit Gottes geredet. Vieles, das ich lese, könnte auch so von den biblischen Propheten oder vom Apostel Paulus geschrieben worden sein. Manches bleibt dagegen fremd und müsste meiner Meinung nach im historischen Kontext gelesen werden, so wie ja auch biblischen Verse nicht aus dem Kontext herausgerissen werden dürfen, und sich nur im Zeitkontext erschließen. Auch fehlt mir die allegorische und anschauliche metaphorische Bilderwelt, die ich zum Beispiel an den Worten Jesu so liebe. Die Geschichten der hebräischen und der griechischen Bibel werden zwar teils vorausgesetzt und es wird darauf Bezug genommen, aber literarisch werden diese oder andere nicht selbst entfaltet. Auch ist die muslimische Theologie in Bezug auf meine trinitarische Theologie sicher nicht kompatibel. Ganz zu schweigen von der Frage der Rechtfertigung des Sünders allein durch Gnade, die ich nicht entdecke. Im Koran wird bei aller Erwähnung der Barmherzigkeit Gottes die Tat des Gerechten gefordert, der sich vor dem letzten Tag fürchten soll und deshalb ein gerechtes Leben führen soll. Aber neben solchen Beobachtungen aus meiner christlichen Perspektive muss ich in diesen Tagen bei der praktischen Lektüre mein Bild vom Koran auch an manchen Stellen korrigieren. Es wird gegen den Ungerechten egal welcher Religion hart gesprochen, aber Juden und Christen, die gerecht leben, kommen durchaus gut darin weg. Es kommt wohl auch hier darauf an, was die Menschen aus dem Text machen und mit welcher Hermeneutik sie an den Text gehen. „Wir sind alle aus dem gleichen Lehm“, kann man eigentlich nur schlussfolgern, wenn man in der Sure 23 von der Schöpfung des Menschen durch Gott liest. Ein horizonterweiterndes Seminar.

Shabbat Shalom - Synagogenbesuche
Zum dritten Mal in der Zeit hier vor Ort besuchte in auch am letzten 

Besuch der Synagoge Kehilat Har-El 
Freitag zum Beginn des Shabbat eine Synagoge. Die kleine reformierte Synagogengemeinschaft Kehilat Har-El begrüßt mich bereits zum zweiten Mal sehr freundlich. Was mir vor drei Wochen noch fremd war ist mir schon viel vertrauter. Der hebräische Text wird für mich immer noch viel zu schnell gelesen, gebetet und gesungen, so dass ich mich beim Folgen oder gar Verstehen der hebräischen Buchstaben schwer tu, aber auch das ist schon etwas besser als zu Beginn. Ein Höhepunkt für mich ist jeweils die gemeinsame Lesung des Psalms 96 (Singet dem Herrn ein neues Lied), den ich im Studium intensiv übersetzt habe. Die Zeremonien werden mir von mal vertrauter und ich merke wie meine Seele immer mehr ankommt. Dabei spielt Gastfreundschaft eine wichtige Rolle. In den beiden besuchten Synagogengemeinschaften wurden wir explizit willkommen geheißen. Vielleicht ist so eine Einstellung der Gastfreundschaft ja auch wie ein Brücke, die zum anderen errichtet wird.
Ich freue mich auf die Begegnungen mit zwei jüdischen Vertretern, die in der nächsten Woche anstehen: In einer Synagoge, habe ich bereits vor zwei Wochen mit einer Rabbinerin gesprochen und habe um einen Gesprächstermin gebeten. „Du bist herzlich Willkommen“, bekommen ich in der Mail als Antwort. Ein jüdischer Dozent und Kantor lädt uns Pastoren, die wir im Rahmen von Studium in Israel unterwegs sind, ein, uns die Stadt zu zeigen und Hintergründe zu erklären. Hier erlebe ich Gastfreundschaft wie es im Buche steht.

Besuch des armenischen Viertels in der Altstadt
Auch im christlichen Jerusalem werfe ich einen Blick hinter die Kulissen. Der
Eingangstür zur
Armenischen Jakobuskathedrale
armenische Historiker George Hintlion führt hinter die Mauern und sonst verschlossenen Türen des eher unbekannteren armenischen Viertels. Die armenische Kirche, die sich auf eine apostolische Mission zurückführt, war seit dem Jahr 301 /314 die erste Staatskirche und ist seit 1700 Jahren trotz vieler Krisen und leidensvoller Geschichtsereignisse immer noch in der Stadt Jerusalem präsent. George Hintlion führt dies unter anderem darauf zurück, dass seine Kirche zu klein und arm war, um im Spielball der Großen in Jerusalem zu sehr unter die Räder zu kommen. Außerdem erwähnt er, dass die Armenier immer mit allen gesprochen haben. Als z.B. die Perser im 7. Jahrhundert Jerusalem erobert haben und von 614 – 629 für knapp 16 Jahre über die Stadt herrschten (wobei interessanterweise die Verwaltung in jüdischer Hand lag) konnten sich die armenischen Vertreter mit Ihnen verständigen, weil sie deren Sprache sprachen, so eine Überlieferung. Das hat sich evtl. zum Vorteil ausgewirkt. Miteinander zu reden, ist bisweilen nicht der schlechteste Rat, geht mir durch den Kopf.

Und das war alles?

Nein, es gäbe noch viel mehr zu berichten! So habe ich noch gar nicht vom
Kapelle im Kreuzfahrerbogen in Latrun 
Besuch eines Vorabendgottesdienstes in der Kapelle im Kreuzfahrerbogens in Latrun geschrieben, wo die Jesus-Bruderschaft Gnadenthal in
Latrun mit einer kleiner Lebensgemeinschaft ein kleines Kloster und ein Gästehaus betreibt und für Frieden im Lande betet. Eines ist sicher: Die Kreuzfahrer sind nicht mehr im Lande. Ihre Herrschaft dauerte von 1096 bis 1187. Danach und nur für kurze Zeit waren sie nur noch in kleinen Enklaven an der Küste vertreten. Bei der Frage, wem das Land gehört, muss auf diese zum Glück keine Rücksicht genommen werden. Mit dieser eher zugegeben gekünstelten Assoziation komme ich aber noch einmal auf die Ausgangsfrage zurück: Wem gehört das Land? Und warum wird diese Frage mit so großer Leidenschaft diskutiert? Vermutlich, so meine Mutmaßung nach einigen Gesprächen mit lokalen Gesprächspartnern, weil sich Menschen mit ihrer Identität an ihr festmachen. Das Land ist sowohl für hier lebende Israels als auch Palästinenser mehr als nur Materie. Es ist Heimat und Verheißung. Durch die jahrtausendlange Geschichte ist es mit der Herkunft beider Völker aufs engste verbunden. Zugleich ist es durch die religiösen Überlieferungen ein Sehnsuchtsort. Um die Frage des Landbesitzes herrscht ein wahrer Deutungskrieg, der aufgeladen ist mit Emotionen bis zur Unerträglichkeit.
Schon vor meinem Aufenthalt war ich mit dieser Thematik konfrontiert: Wo fahre ich denn hin? Nach Israel? Zumindest vom Staatsgebiet ist diese Bezeichnung zutreffend, denn die meiste Zeit werde ich mich in den Gebieten des 1948 gegründeten Staates Israel bewegen. Aber ich werde auch von der Staatsseite aus betrachtet in Palästina unterwegs sein, das seit dem Jahr 2012 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen als Beobachterstaat anerkannt ist. 138 der 193 UNO-Mitglieder stimmten für eine solche Anerkennung als Staat mit Beobachterstatus, neun dagegen und 41 enthielten sich, darunter Deutschland.
Manche Gesprächspartner bezeichnen das ganze Land durchgängig als Palästina, so wie es bis 1948 (dem Ende des britischen Mandates) üblich war. Andere bezeichnen inzwischen die Gebiete in der Westbank als Samaria und Judäa und sehen sie perspektivisch als Staatsgebiet Israels, obwohl die Verträge von Oslo die Gründung eines eigenen Palästinenserstaates vorsehen.
"Jerusalemisours“ lautet ein WLAN-Passwort in einem palästinensischen geführten Café in Ostjerusalem. „An der Bibel und der Verheißung an die Israeliten kann man nicht vorbei kommen. Die Verheißung galt Isaak und nicht Ismael“, höre ich in diesen vier Wochen aus dem Munde eines anderes Gesprächspartners.

Zusammenfassung und Aussicht

Soweit eine „kleine“ ganz konkrete Übersicht einiger kontroverser Ansichten und Äußerungen, die nicht aufgrund von Zeitungen oder Lexikaartikel genährt ist, sondern durch persönliche Begegnungen und Beobachtungen. Ich erlebe dabei wunderbare Gastfreundschaft und eine herzliche Offenheit von Menschen unterschiedlicher Kulturen. Von manchen werde ich als Tourist gesehen, von anderen als Mensch und Gast.
Der schmale Landstreifen zwischen den Großreichen der Hetiter, respektive der Griechen, den Römern, den Osmanen oder der heutigen Türkei und im dem Libanon im Nordwesten, den Persern, respektive den Babyloniern und dem heutige Iran/Irak/Syrien/Jordanien im Westen sowie den Ägyptern im Süden war über die Jahrtausende unterschiedlichst bevölkert. Ich treffe in diesen Tagen auf Menschen, die heute das Land als ihre Heimat und die Heimat ihrer Vorfahren bezeichnen. Menschen, die sich auf Abraham als ihren Stammvater berufen. Ihm ist laut der Überlieferung aus dem Buch Genesis (1. Mose) das Land verheißen. Ein Teil der Verheißung spricht mich in diesen Tagen besonders an: "In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden." Das hebräische Wort für Geschlechter lautet "Mishpachah". Es steht auch für Familie oder Sippe. In unserer Sprache hat sich das davon abstammende Mischpoke enthalten. Für mich passt das in mein Weltbild: Die Menschheitsfamilien gehören zusammen. Ich zumindest sehe in den Menschen, denen ich begegne, Teile dieser Familien.

Wem gehört das Land? Vielleicht wäre es hilfreich, vor allem einmal zu
Ein friedliches Bild aus dem Klostergarten von Latrun
am Ende eines ernsten Themas
festzuhalten, dass Gott zuallererst selbst das und alles Land gehört. Und als zweites Prolegomena müsste von der Liebe Gottes zu allen seinen Geschöpfen gesprochen werden. Erst auf Grundlage dieser beiden Vorannahmen – so meine Gedanken am Ende der vierten Woche im „Heiligen Land“ wird es wohl möglich sein, die Menschen im Auge zu behalten, wenn man sich mit theologischen, archäologischen, ethnischen oder sonstigen Argumenten die Köpfe heiß redet. Alles andere ist nämlich unmenschlich.
Ich grüße herzlich alle, die sich durch diesen langen Text hindurchgelesen haben mit einem herzlichen Schalom, Salam und Friede sei mit Dir.

BCU, 03. Februar 2019

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