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Der Farmhügel der Familie Nassar |
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Ein Weinberg auf der Farm |
„We refuse to be enemies“.
„Wir weigern uns, Feinde zu sein“. Mit diesen einen Satz kann man wohl die Philosophie der Familie Nassar zusammenfassen, die 9 km südlich-westlich von Bethlehem eine rund 42 Hektar große Farm mit Oliven- und Obstbäumen, Weinreben und einigen Tieren besitzt. Das Land liegt malerisch rund 950 Meter über dem Meeresspiegel auf einem Berg. Vom Gipfel bis in die tief eingeschnittenen Täler ziehen sich die Anbauflächen. Das Land ist steinig, wer es bestellt hat viel Arbeit, den Boden zu bereiten.
Glaube, Liebe und Hoffnung sind für die Familie Nasser dabei die christlichen Grundlagen für ihr Denken und Handeln, erklärt uns Daoud seinen Ansatz.
„Tent of Nation“ bedeutet „Zelt für die Völker“. Gemeinsam wird bei den Programmen gelernt, sei es durch gemeinsame Arbeit auf der Farm, durch künstlerische Projekt, in einem woman center oder durch Begegnungen. Eine Zukunftsvision ist es, auf dem Gelände eine Schule zu gründen.
Vielleicht können nur Farmer, die über Jahre und Jahrzehnte ihr Land bestellen und sich nicht von kurzfristigen Entwicklungen aus der Ruhe bringen lassen dürfen, so besonnen reagieren. Vielleicht ist es aber auch Daouds persönliche Erfahrung im Ausland, die ihn an eine gerechte Welt auch für und in seiner Heimat glauben lassen. Er ist auf diesem Land groß geworden und ist, nachdem er u.a. in Deutschland studiert hat, zurückgekommen, um hier zu bleiben. Das Land und seine Familie sind seit 100 Jahren miteinander verbunden. Immer wieder höre ich von palästinensischen Gesprächspartner wie wichtig das für sie ist: Ihre Identität ist häufig verbunden mit dem Dorf, den Verwandten, dem Haus in dem sie wohnen. Daoud vermutet, dass es den Siedlern auf dem nächsten Berggipfel, die in der zweiten Generation auch schon in der Gegend leben, genau so geht. Es geht ihm nicht darum, dass die Siedlungen auf dem palästinensischen Gebiet aufgelöst werden. Darunter unterscheidet er sich von manchen Hardlinern, die ein Palästina ohne jüdische Siedlungen wollen. Es geht ihm um ein friedvolles Zusammenleben, um Equality (Gleichberechtigung) und das Ende der Okkupation. Das Problem ist politisch, meint er. Die Menschen in der Bevölkerung sehnen sich nach Frieden, nach Selbstbestimmung und Freiheit.

Die Unterstützung durch Menschenrechtsorganisationen und die hergestellte Öffentlichkeit gaben ihm und seiner Familie in den letzten vier Jahren eine kleine Verschnaufpause. Vor diesem Hintergrund lädt er sicher auch mit den Worten des Philippus ein, sich selbst ein Bild zu machen. „Komm und sieh“, hatte dieser zu Nathanael gesagt, als dieser von der Sache des Predigers Jesu gehört hat. "Komm und sieh", lädt er dann auch zum Ende unserer Gesprächsrunde ein.
Zusammen mit den freiwilligen Besuchern wird dann nun beim „Kommen und Sehen“, ganz praktisch auf dem Land gearbeitet. Auch wir als Gruppe bereiten an diesem Tag ein Feld, befreien es von Steinen und bauen daraus eine Stützwand, roden Dornenbüsche und pflanzen 45 Olivenbäume. Es ist auf dem am Hang gelegenen Feld eine harte Arbeit. Daoud ist mittendrin und ist mal hier mal da, um zu zeigen wie tief die Löcher sein müssen und wie man am Besten für die Bewässerung eine kleine Mulde anlegt. Auch an die wilden Hirsche, die es in der Umgebung gibt, denkt er, legt zum Schutz etwas von den gerodeten Dornbüschen um den kleinen Stamm und beschwert diese mit einem Stein.
Ich frage mich, ob ich meinen zusammen mit meinem Pfarrkollegen Andreas gepflanzten Olivenbaum in einigen Jahren Früchte tragend sehen werde? Die Zukunft wird es zeigen. Und vielleicht tragen ja auch die Friedensbemühungen des vierten Weges der Verständigung Früchte. Den Bewohnern dieses Landes, das so wunderschön ist, dass sie alle dort wohnen wollen, ist dies zu wünschen.
Auf den fünf Hügeln und Berghängen rundherum sind in den letzten Jahrzehnten jüdische Siedlungen und Einrichtungen entstanden. Für die weltoffene palästinensische Familie Nasser ist dies eigentlich kein Problem. Als evangelisch-lutherische Christen sind sie offen für ein friedliches Zusammenleben mit den neuen Nachbarn. Doch das wird den Nachbarn schwer gemacht und dazu trägt auch bei, dass die israelischen Behörden nicht zu einer Entscheidung über den für Außenstehende klaren Fall kommen. 28 Jahre lang befindet sich Familie Nasser bereits im Rechtsstreit mit dem Staat Israel. Das Land, das ihrer Familie seit dem Jahr 1916 gehört und sich in der C-Area der Autonomiegebiete befindet, sollte 1991 verstaatlicht werden. Dabei gehört das Land urkundlich erwähnt seit der osmanischen Zeit der Familie. Daher Nassar, der Großvater der heutigen Nasser-Generation, hatte es damals gekauft und mit seiner Familie bezogen. Die englische Mandatsbehörde hatte nach dem Ende osmanischen Herrschaft die Eigentumsverhältnisse bestätigt, später die jordanische und selbst die israelische Verwaltung nach 1967. Der Fall ist urkundlich bestens dokumentiert. Dennoch steht eine Entscheidung aus.
Hinzu kommen immer wieder Ein- bzw. Übergriffe auf das Land. Jüdische Siedler zerstörten in einer Aktion gegen die Farm 250 Olivenbäumen. Von solchen Attacken höre und lese ich fassungslos in diesen Wochen. Den jüdischen Zeitungen entnehme ich, dass diese unter "price tag" benannten Aktionen selbst für Israelis peinliche Vorfälle sind. Für die betroffenen Palästinenser und auch diejenigen, die davon hören offenbart dies die menschenverachtende Seite der Okkupation der unter dem Oslovertrag vereinbarten palästinensischen Autonomiegebiete. Ein weiterer Vorfall geschah am frühen Morgen des 19. Mai 2014. An diesem Tag planierten Bulldozer der Israeli Defense Forces (IDF) zwei Wochen vor der Ernte 1000 Aprikosen und Apfelbäume sowie Weinreben des familiären Farmlandes. Die mühsame Arbeit von 12 Jahren wurde in ein bis zwei Stunden zerstört. Zweimal wurde versucht auf dem Besitz der Familie ohne Erlaubnis eine Straße zu bauen.
Immer wieder gaben die israelischen Gerichte Familie Nassar Recht, wenn sie gegen die Eingriffe auf ihr Farmland klagten. Eine Entschädigung wurde bis heute nicht gezahlt. 150Tsd USD Gerichtskosten mussten dabei aufgebracht werden. Eine Summe, die nur durch internationale Unterstützung beglichen werden konnte.
Nach der Zerstörung der 250 Olivenbäume hat eine jüdische amerikanische Organisation, die sich für Gewaltfreiheit einsetzt, für die neue Bepflanzung des Farmlandes der palästinensischen Familie gespendet. Solche Geschichten ermutigen.
Immer wieder gaben die israelischen Gerichte Familie Nassar Recht, wenn sie gegen die Eingriffe auf ihr Farmland klagten. Eine Entschädigung wurde bis heute nicht gezahlt. 150Tsd USD Gerichtskosten mussten dabei aufgebracht werden. Eine Summe, die nur durch internationale Unterstützung beglichen werden konnte.
Nach der Zerstörung der 250 Olivenbäume hat eine jüdische amerikanische Organisation, die sich für Gewaltfreiheit einsetzt, für die neue Bepflanzung des Farmlandes der palästinensischen Familie gespendet. Solche Geschichten ermutigen.
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Einführung auf dem Berggipfel |
Farmbesitzer Daoud Nassar begrüßt unsere Gruppe, die aus rund 40 Volontären verschiedener Einrichtungen und weiterer Interessierten besteht, und erzählt uns die Geschichte seiner Familie. Dabei spürt man bei aller Ruhe und Besonnenheit, die er ausstrahlt, den Schmerz über Erlebtes: „Wir betrachten die Pflanzen wie eigene Kinder“, erklärt er uns. Und: „Wer sich mit Landwirtschaft auskennt weiß, dass Pflanzen in dieser Höhenlage
nur langsam wachsen. Olivenbäume benötigen zehn Jahre bis sie richtig Frucht tragen“.
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Farmer Daoud Nassar |
Er macht aus seinem Unverständnis kein Geheimnis, Auch, dass das Land durch den fehlenden Gerichtsbescheid von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten ist und keine Baugenehmigungen erteilt werden, sind Ärgernisse und Erschwernisse. Noch nicht einmal für die Zelte, in denen die Volontäre, die von März bis zur Ernte im Herbst bei den Programmwochen auf dem Berg leben. Neben dem grundsätzlichen Rechtsstreit stellen sich noch andere Herausforderungen: So wurde die Hauptzugangsstraße zur Farm aus Sicherheitsgründen abgeriegelt. Wir mussten als Besucher auf dem Weg über einen Schutthaufen steigen, um das letzte Stück zu Fuß zu gehen. Familie Nassar hätte allen Grund, zu verzagen oder zu hassen oder gar mit Gewalt zu reagieren, wie es manche Palästinenser in den okkupierten Gebieten als einzigen Weg ansehen. Aber alle diese Wege lehnt Familie Nassar ab und hat eine eigene Philosophie entwickelt, die uns Daoud Nassar vorstellt, und an der im Rahmen des Projektes Tent of nations gearbeitet wird, das in den letzten Jahren als Reaktion auf das Erlebte hier entstanden ist.
Auf der Homepage findet sich eine Zusammenfassung der Idee:
At Tent of Nations, our mission is to build bridges between people, and between people and the land. We bring different cultures together to develop understanding and promote respect for each other and our shared environment.
To realise this mission, we run educational projects at Daher’s Vineyard, our organic farm, located in the hills southwest of Bethlehem, Palestine. Our farm is a center where people from many different countries come together to learn, to share, and to build bridges of understanding and hope.
(Tent of Nations Aufgabe ist es, Brücken zwischen Menschen und zwischen den Menschen und dem Land zu bauen. Wir bringen verschiedene Kulturen zusammen, um Verständnis und den Respekt für einander zu entwickeln, und unsere gemeinsame Umgebung zu fördern. Um diese Mission zu verwirklichen, betreiben wir Bildungsprojekte auf unserem Biobauernhof Daher´s Vineyard, in den Hügeln südwestlich von Bethlehem, Palästina. Unsere Farm ist ein Zentrum, in dem Menschen aus vielen verschiedenen Ländern zusammenkommen, um zu lernen, zu teilen und Brücken des Verständnisses und der Hoffnung zu bauen.)
Vier Grundsätze sind ihm dabei wichtig:
1. We refuse to be victims (Wir lehnen es ab, Opfer zu sein)
2. We refuse to hate (Wir lehnen es ab, zu hassen)
3. The Christian way is no violance (Der christliche Weg ist gewaltfrei)
4. We believe in justice (Wir glauben an Gerechtigkeit)
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Der Slogan des Tent of nations |
At Tent of Nations, our mission is to build bridges between people, and between people and the land. We bring different cultures together to develop understanding and promote respect for each other and our shared environment.
To realise this mission, we run educational projects at Daher’s Vineyard, our organic farm, located in the hills southwest of Bethlehem, Palestine. Our farm is a center where people from many different countries come together to learn, to share, and to build bridges of understanding and hope.
(Tent of Nations Aufgabe ist es, Brücken zwischen Menschen und zwischen den Menschen und dem Land zu bauen. Wir bringen verschiedene Kulturen zusammen, um Verständnis und den Respekt für einander zu entwickeln, und unsere gemeinsame Umgebung zu fördern. Um diese Mission zu verwirklichen, betreiben wir Bildungsprojekte auf unserem Biobauernhof Daher´s Vineyard, in den Hügeln südwestlich von Bethlehem, Palästina. Unsere Farm ist ein Zentrum, in dem Menschen aus vielen verschiedenen Ländern zusammenkommen, um zu lernen, zu teilen und Brücken des Verständnisses und der Hoffnung zu bauen.)
Vier Grundsätze sind ihm dabei wichtig:
1. We refuse to be victims (Wir lehnen es ab, Opfer zu sein)
2. We refuse to hate (Wir lehnen es ab, zu hassen)
3. The Christian way is no violance (Der christliche Weg ist gewaltfrei)
4. We believe in justice (Wir glauben an Gerechtigkeit)

Und dann äußert er einen Satz, der mich eher an fernöstliche Weisheiten erinnert und mir noch lange an diesem Tag nachgehen wird: „We try to channel our pain into positiv energy“ (Wir versuchen unseren Schmerz in positive Energie zu kanalisieren). Und das scheint zu gelingen. Für alle Herausforderungen wurden bisher Lösungen gefunden. Für die Bewässerung wurden immer mehr Wasserspeicher angelegt. Durch die finanzielle Unterstützung des Grünhelme e.V. wurde eine Solaranlage gebaut, die das Gelände unabhängig mit Strom versorgt. Gelebt wird in 11 Höhlen, die mit den Jahren ausgebaut wurden.
Dem Farmer Daoud ist anzumerken, dass dies seine Mission ist. Es geht schon längst nicht mehr nur um die Erhaltung der Farm als landwirtschaftlichen Betrieb. Durch die Einschränkungen gelingt es bis heute nicht, die Farm wirtschaftlich selbsttragend zu bewirtschaften. Das ist zwar das erklärte Ziel, aber hinzu kommt inzwischen ein bedeutsameres: Den vierten Weg zu finden und zu gehen.
Weder der Weg der Gewalt noch der Weg über Verhandlungen haben Erfolg für die palästinensische Sache gebracht. Da sich der Weg der Resignation verbietet, geht die Familie Nassar auf dem vierten Weg, den Weg der Liebe, des Glaubens und der Hoffnung. Ein Weg, von dem nicht klar ist, ob er erfolgreich sein wird, der für die gläubigen Christen der einzig gangbare ist.
Mit dem vierten Weg ist die Hoffnung verbunden, die andere Seite durch ein ungewohntes Handeln in gewisser Weise zu verwirren und von den bisherigen Denkmustern abzubringen.
Dazu gehört auch, über den Ansatz und die Philosophie dieses Weges zu berichten und ihn weltweit bekannt zu machen. Rund zehntausend Besucher konnte das Tent of nations im Jahr 2018 als Gäste begrüßen. Weltweit wurde das Projekt dadurch bekannter, dass es am 21. November 2018 den Deutsch-Französischer Preis für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit verliehen bekommen hat.
Dem Farmer Daoud ist anzumerken, dass dies seine Mission ist. Es geht schon längst nicht mehr nur um die Erhaltung der Farm als landwirtschaftlichen Betrieb. Durch die Einschränkungen gelingt es bis heute nicht, die Farm wirtschaftlich selbsttragend zu bewirtschaften. Das ist zwar das erklärte Ziel, aber hinzu kommt inzwischen ein bedeutsameres: Den vierten Weg zu finden und zu gehen.
Weder der Weg der Gewalt noch der Weg über Verhandlungen haben Erfolg für die palästinensische Sache gebracht. Da sich der Weg der Resignation verbietet, geht die Familie Nassar auf dem vierten Weg, den Weg der Liebe, des Glaubens und der Hoffnung. Ein Weg, von dem nicht klar ist, ob er erfolgreich sein wird, der für die gläubigen Christen der einzig gangbare ist.
Mit dem vierten Weg ist die Hoffnung verbunden, die andere Seite durch ein ungewohntes Handeln in gewisser Weise zu verwirren und von den bisherigen Denkmustern abzubringen.
Dazu gehört auch, über den Ansatz und die Philosophie dieses Weges zu berichten und ihn weltweit bekannt zu machen. Rund zehntausend Besucher konnte das Tent of nations im Jahr 2018 als Gäste begrüßen. Weltweit wurde das Projekt dadurch bekannter, dass es am 21. November 2018 den Deutsch-Französischer Preis für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit verliehen bekommen hat.

Vielleicht können nur Farmer, die über Jahre und Jahrzehnte ihr Land bestellen und sich nicht von kurzfristigen Entwicklungen aus der Ruhe bringen lassen dürfen, so besonnen reagieren. Vielleicht ist es aber auch Daouds persönliche Erfahrung im Ausland, die ihn an eine gerechte Welt auch für und in seiner Heimat glauben lassen. Er ist auf diesem Land groß geworden und ist, nachdem er u.a. in Deutschland studiert hat, zurückgekommen, um hier zu bleiben. Das Land und seine Familie sind seit 100 Jahren miteinander verbunden. Immer wieder höre ich von palästinensischen Gesprächspartner wie wichtig das für sie ist: Ihre Identität ist häufig verbunden mit dem Dorf, den Verwandten, dem Haus in dem sie wohnen. Daoud vermutet, dass es den Siedlern auf dem nächsten Berggipfel, die in der zweiten Generation auch schon in der Gegend leben, genau so geht. Es geht ihm nicht darum, dass die Siedlungen auf dem palästinensischen Gebiet aufgelöst werden. Darunter unterscheidet er sich von manchen Hardlinern, die ein Palästina ohne jüdische Siedlungen wollen. Es geht ihm um ein friedvolles Zusammenleben, um Equality (Gleichberechtigung) und das Ende der Okkupation. Das Problem ist politisch, meint er. Die Menschen in der Bevölkerung sehnen sich nach Frieden, nach Selbstbestimmung und Freiheit.



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Frisch gepflanzter Olivenbaum |
BCU, 28.02.2019
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