Dienstag, 26. Januar 2021

Gemeinde und Kirche in einer interkulturellen Welt - Reflexion ekklesiologischer Dynamiken im Rahmen eines Studiensemesters in Jerusalem

Gemeinde und Kirche in einer interkulturellen Welt.

Reflexion ekklesiologischer Dynamiken im Rahmen eines Studiensemesters in Jerusalem
Pfarrer Branko-Christian Uhlstein, April 2019

Einleitung und Hintergrund

Das Ruhrgebiet als Schmelztiegel vieler Kulturen ist reich an christlichen Gemeinden und Kirchen. In den letzten Jahrzehnten haben sich neben der Evangelischen Kirche, der Römisch-Katholischen Kirche sowie den klassischen Freikirchen zahlreiche neue Gemeinden anderer Sprache und Herkunft gegründet. Immer wieder und zuletzt verstärkt haben sich auch in die historisch in der Region verorteten Kirchen vermehrt einzelne Menschen mit Migrationshintergrund integriert. An manchen Stellen kam es auch zu Kooperationen. Diese Entwicklung hat nicht erst seit dem Jahr 2015 und der damit verbundenen Ankunft von zahlreichen Flüchtlingen eine neue Dynamik bekommen, sondern hat sich auch schon davor abgezeichnet. Seit dem Jahr 2015 und dem mit diesem Jahre verbundenen Einsatz der Gemeinden und Kirchen für Flüchtlinge, ist die Zahl derjenigen, die in den ansässigen Kirchen persönliche, religiöse und spirituelle Heimat suchen, jedoch deutlich gewachsen.
Auch meine Tätigkeit als Gemeindepfarrer der Ev. Trinitatis-Kirchengemeinde Witten, als Flüchtlingsbeauftragter des Kirchenkreises und im Rahmen einer landeskirchlichen Projektstelle mit der Bezeichnung „Gemeinsam Kirche sein mit Geflüchteten“ (seit Sommer 2017 mit einem Stellenumfang von 25%), die sich genau mit diesen Themenstellungen und Herausforderungen beschäftigt, ist davon betroffen. Im Rahmen dieser Stelle sind nicht nur Kirchenasyle, Begegnungscafés, Glaubenskurse mit Farsi sprachige Menschen oder mehrsprachige und interkulturelle Gottesdienste zu begleiten, sondern vor allem ganz persönlich Menschen anderer Sprache und Herkunft, die ihren Weg zum Glauben und zur evangelischen Kirche suchen.
Vor diesem Hintergrund habe ich mich für ein anstehendes Kontaktstudium bei Studium in Israel e.V. beworben, um im Rahmen eines interkulturellen Umfeldes Fragestellungen in Theorie und Praxis nachzugehen, die sich aus meiner Tätigkeit ergeben. Der Fokus meiner Betrachtung liegt dabei besonders auf der kybernetischen Dimension dieses weiten Feldes.
Wie stellen sich einzelne Gemeinden angesichts der kulturellen Vielfalt in der Region inhaltlich auf? Homogen und auf ihre Identität besinnend oder integrativ sich öffnend? Wie wird die Verbundenheit zwischen den zahlreichen Gemeinden, Kirchen und Einrichtungen organisiert? Eher spontan oder vergleichbar verbindlich wie durch ACKs in vielen deutschen Städten? Welche Formen des gesellschaftlichen Engagements finden sich in einer Gesellschaft, in der Christen eine Minderheit stellen? Welche Inspirationen kann eine interkulturell aufgestellte Region, wie das Ruhrgebiet aus anderen Kontexten aufnehmen bzw. wo sind die Kontexte nicht vergleichbar? Dies waren einige Ausgangsfragen vor meinem Studienaufenthalt.

Zur gewählten Region
Nicht nur Jerusalem, sondern die gesamte Region Israel / Palästina ist in Bezug auf Herkunft der heutigen Bewohner, der Kultur, der Religiosität und der Sprachen vielfältig. 1881, zu Beginn der jüdischen Einwanderung, lebten 457.000 Menschen in dem unter osmanischer Herrschaft stehenden Palästina. 400.000 waren Muslime, 13.000–20.000 Juden und 42.000 meist griechisch-orthodoxe – Christen.1 Die moderne Geschichte schaut in Folge auf mehrere Einwanderungswellen zurück.2 Bereits vor dem zweiten Weltkrieg siedelten sich hunderttausende, vor allem aus Europa stammende Juden, in der Region an, die das Land prägten. In Folge des Israelisch-Arabischen Krieges von 1948 verließen unter Druck verschiedener Agitatoren und der Ereignisse, mit denen sie konfrontiert waren, 700.000 arabische Bewohner das Siedlungsgebiet.
Nach der Staatsgründung Israels im Mai 1948 immigrierten in den 1950-er und 1960-er Jahren viele Juden aus Nordafrika, Irak, Ägypten und Iran nach Israel. „Die Einwanderung veränderte das Land“, beurteilt der israelische Historiker Mosche Zimmermann. Die ehemals von europäischen Einwanderern und Flüchtlingen dominierte Gesellschaft wurde bunter. Seit Mitte der 1960-er Jahre war etwa die Hälfte der israelischen Bevölkerung afro-asiatischer Herkunft. Mit dem Zerfall der UdSSR zogen dann alleine zwischen 1989 und 1995 etwa 600.000 Einwanderer aus der Sowjetunion bzw. GUS nach Israel. Sie brachten ihre eigene Kultur und auch Sprache mit und pflegen sie weiterhin. In jüngerer Zeit sind vor allem die legale Aliyah äthiopischer Juden zu nennen sowie eine größere Zahl von Flüchtlingen aus Eritrea, deren Aufenthalt und Anerkennung aktuell noch nicht geregelt ist. Auf dem Gebiet Israels leben laut offiziellen Angaben der israelischen Behörden (Stand 12/2018) 6,5 Millionen jüdische und 1,8 Mio arabische Israelis (zumeist muslimischen Glaubens). Als größte Minderheit in Israel sind 120.000 Drusen zu nennen, die durch ihre Politik der Loyalität gegenüber dem Staat eine Sonderrolle unter den Minderheiten einnehmen. In den palästinensischen Autonomiegebieten leben schätzungsweise 4,8 Millionen Palästinenser. Christen bilden mit Schätzungsweise 1 – max. 2 % eine Minderheit im Gesamtgefüge Israel / Palästina.
Mit dem Nationalstaatsgesetz aus dem Jahr 2018 wurde seitens der israelischen Regierung Israel als jüdischer Staat definiert und z.B. Arabisch als offizielle Amtssprache abgeschafft. Dieses Gesetz führte zu erheblicher Kritik unter den als Minderheit geltenden Bürgern. Gleichwohl ist jedem Bürger Israels volles Bürgerrecht garantiert. Für die palästinensischen Gebiete ergibt sich eine komplizierte Staffelung von Rechten, die auf das Abkommen von Oslo zurückgeht. Der Staat Palästina ist seit dem Jahr 2013 mehrheitlich von den UN-Staaten im Gaststatus anerkannt. Vor Ort ergibt sich ein komplizierteres Bild. Rund um die Wahl rücken die meisten israelischen Parteien, wenn sie überhaupt auf die Pälästinafrage eingehen, von einer Zweistaatenlösung ab und/oder sprechen sich für die Annektierung zumindest der C-Gebiete aus.
Der Gazastreifen ist weitgehend von muslimischen Palästinensern bewohnt. Die in der Westbank lebende Bevölkerung ist bis auf die jüdischen Siedlungen, die sich dort in den letzten Jahrzehnten gebildet haben, mehrheitlich arabisch geprägt. Der Bevölkerungsschwerpunkt für Christen liegt im Süden des Landes bei Bethlehem. Die eigenständige Stadt Beit Sahour kommt mit ihren 15.000 Einwohnern z.B. auf einem christlichen Bevölkerungsanteil von 80%. Insgesamt macht der Anteil der Christen in der Bevölkerung der Westbank nicht einmal 2% aus.
In Bezug auf die Religion wird in Israel das orthodoxe Judentum offiziell vom Staat anerkannt und unterstützt. Rabbinen regeln so z.B. Eheschließung und Scheidung. Die Lehrenden und Studierenden an den zahlreichen Thoraschulen werden finanziell unterstützt. Gesprächspartner aus reformierten und konservativen Synagogengemeinschaften sehen sich dadurch benachteiligt.
Nicht alle jüdischen Israelis bezeichnen sich laut Umfragen als religiös, vielleicht sogar nur die Hälfte, schätzt Oded Peles, einer meiner Gesprächspartner. Nach seiner Einschätzung feiern aber über 90 % das Pessachfest und fühlen sich der jüdischen Tradition und Geschichte unter einem nationalen und völkischen Aspekt verbunden. Jerusalem, wie auch Israel, ist – viel mehr als z.B. die palästinensischen Gebiete – ein Schmelztiegel der nationalen und kulturellen Hintergründe. Aber auch die muslimischen und die christlichen Welten sind nicht einheitlich in Bezug auf die Religiosität, Spiritualität und Konfessionalität.

Gemeindeleben in Jerusalem
Gemeinde und Kirche in einer interkulturellen Gesellschaft, diesem Thema spürte ich nach, indem ich mir zum einen das Zusammenspiel der Kirchengemeinschaften in der Jerusalemer Altstadt im Allgemeinen anschaute und zum anderen einzelne Gemeinden, wie die Ev.-Luth. Church of the Redeemer / Ev. Erlöserkirche, die Melkitische Kirche, hier insbesondere die Ortsgemeinden in Beit Sahour bei Bethlehem und die Jerusalemer Gemeinde besuchte. Darüber hinaus habe ich im Bereich der jüdischen Synagogengemeinschaften die reformierte Synagoge Har-El und die konservativ-progressive Synagogengemeinschaft Kehilat Zion unter die Lupe genommen.
Besuche bei Projekten vor Ort und im ganzen Land rundeten das Bild ab. An dieser Stelle seien vor dem Hintergrund des Themas nur folgende zu nennen:
 Ein Aufenthalt im christlichen Dorfprojekt Nes Ammim und Gespräch mit Pfarrehepaar Katja und Tobias Kriener.
 Besuch des Friedensprojektes Tent of Nations der lutherischen Farmerfamilie Nasser, die bei Beit Jala umgeben von vier Siedlungen und einer neu gebauten Jeschiva-Schule eine Farm betreibt.
 Besuch bei der sich für Menschen mit Behinderung einsetzenden Einrichtung Livegate in Beit Jala, die seit 30 Jahren von einem Mitarbeiter des CVJM geleitet wird.
 Besuch der Schule Talitha Kumi in Beit Jala, an der christliche und muslimische arabische Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Gespräch mit Schulleiter Matthias Wolf.
 Besuch des Friedensdorfes Newe Schalom / Wahat al Salam als Ort der programmatischen Einheit, in dem jüdische und palästinensische Bewohner zusammenleben, -arbeiten und lernen (in einer Schule und durch ein versiertes Bildungsprogramm).
 Als klösterliche Gemeinschaft besuchte ich z.B. die Zweigstelle der aus Deutschland stammenden Jesusbruderschaft in Latrun und die Gemeinschaft der Seligpreisungen in Emmaus Nicapolis.
Insbesondere betrachtete ich folgende Projekte unter dem Fokus des gestellten Themas:
 Die Jerusalemer Gebetswoche für die Einheit der Christen als gelebte spirituelle Einheit
 Die Grabeskirche als Ort der Vielfalt und der strukturellen Einheit
 Das Projekt Tent of Nation als interkulturelles Friedensprojekt in einem mehrheitlich jüdischen Siedlungsumfeld
 Die Schule Talitha Kumi als glaubensübergreifende Schule, an der muslimische und christliche Araber gemeinsam ihren Schulabschluss in zwei Abiturzweigen und mehreren Ausbildungsberufen absolvieren können
Die im Folgenden zusammengetragenen Beobachtungen und Gedanken sind auf Grundlage dieser Begegnungen entstanden. Sie haben nicht den Anspruch, wissenschaftlich fundiert evaluiert zu sein. Die einzelnen Konfessionsfamilien – Zuerst die Identität dann die Vielfalt
Wenn ich im Folgenden über die Konfessionsfamilien schreibe, so nehme ich zur besseren Übersicht eine Einteilung in die Rubriken Weltkirche, National-/Volkskirche und Profilkirchen-/gemeinden vor. Die Übergänge sind fließend, so finden sich auch unter dem Dach einer Weltkirche Profilgemeinden.
Christlichen Gemeinden und Werke der Weltkirchen, zu denen ich z.B. die weltumspannende römisch-katholische Kirche, die anglikanischen Kirchen und in Abstufung bereits die lutherischen Kirchen zähle (anglikanische, schwedische, arabische und deutsche Lutheraner sind zwar unter einem Dach in Jerusalem verbunden, aber strukturell sehr eigenständig), zeichnen sich in Jerusalem in ihrem gottesdienstlichen und liturgischen Wirken durch eine große Treue der eigenen Tradition gegenüber aus. Dies ist sicher dem Ort und seiner symbolhaften Bedeutung, sowie der Repräsentationsaufgaben der einzelnen Kirchen geschuldet und angemessen. Es liegt nahe, dass gerade hier das jeweils Typische gelebt wird und viel Wert auf die Form gelegt wird. Neben der Treue der eigenen liturgischen Tradition gegenüber ist in diesen Konfessionsfamilien eine internationale Zusammensetzung und Selbstverständlichkeit zu beobachten. Was verbindet, sind die Traditionen und die Theologie bzw. die Spiritualität. Unter dem Dach der röm.-kath. Kirche bzw. des lateinischen Patriachats findet sich eine Ausdifferenzierung in verschiedene Formen in zahlreichen Gemeinden und Klostergemeinschaften,
seien es die Benediktiner der Dormitio, die Franziskaner an der Grabeskirche oder die hebräisch-sprachige Gemeinde.
Anders sieht es in den National-/Volkskirchen aus, zu denen ich beispielsweise die griechisch-orthodoxe, die syrisch-orthodoxe, die koptische, die äthiopische oder die armenische Kirche zähle, die auf gemeinsame ethnische Traditionen zurückgehen. Die Melkitische Kirche ist zugleich eine National-bzw. Volkskirche als auch Teil einer Weltkirche, weil sie seit 300 Jahren als Rituskirche zur römisch-katholischen Kirche gehört und sich gleichzeitig in der Regel aus arabischsprachigen Christen aus den palästinensischen Gebieten, Jordanien und dem Libanon zusammensetzt. Deshalb behandele ich sie hier unter der Rubrik der National-Volkskirchen.
Zahlreiche unabhängige Gemeinden, wie die Baptisten oder die jüdisch-messianisch bezeichnende Gemeinschaft, die sich in der anglikanischen Christchurch trifft, verdeutlichen die Vielfalt christlichen Lebens in Jerusalem. Diese Gemeinden zeichnen sich durch die Betonung spezieller Themen und Theologien aus, so dass ich sie als Profilkirchen bzw. Profilgemeinden bezeichne. Zu den Gemeinden und Kirchen gesellen sich diverse diakonische und seelsorgliche Institutionen, Einrichtungen bzw. Projekte, die jedoch nicht flächendeckend, wie die Diakonie oder die Caritas arbeiten.
Durch Besuche und Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort habe ich zwei christliche Gemeinschaften und eine Synagogengemeinschaft näher kennen lernen können, die ich exemplarisch für die drei verschieden Systeme kurz skizziere: Die Ev.-Luth. Erlöserkirche als Teil der weltumspannenden Lutherischen Konfessionsfamilie, die Griech.-kath. Melkitische Gemeinden in Jerusalem und Beit Sahour als Kirche der arabischen Bevölkerung sowie die jüdische Synagogengemeinschaft Kehilat Zion, als freie Profilgemeinde. Die Ev. Erlöserkirche / Church of the Redeemer3 … repräsentiert seit ihrer Gründung im Jahr 1882 durch Kaiser Wilhelm die evangelische Christenheit im Heilige Land. Die EKD-Auslandsgemeinde ist gut vernetzt mit Deutschen Werken wie dem Deutschen Archäologischen Institut, dem Studienprogramm Studium in Israel, dem Johanniterhospiz in der Jerusalemer Altstadt oder der Jesus-Gemeinschaft in Latrun.
Neben dem Standort in unmittelbarer Nähe zur Grabeskirche liegen weitere Schwerpunkte in der Begleitung von Touristen am Standort Himmelfahrtskirche Auguste Viktoria und im Gästehaus des Probstes in der Jerusalemer Altstadt. Auch die Deutsche Gemeinde in Amman wird vom Pfarrteam gottesdienstlich versorgt. In den Räumlichkeiten der Erlöserkirche feiern auch die arabisch-sprachige lutherische Gemeinde und die englischsprachige lutherische Gemeinde sowie eine schwedisch-lutherische Gemeinde ihre Gottesdienste. Gemeinsam werden z.B. in der Karwoche zu Palmsonntag Gottesdienste gefeiert oder Prozessionen unternommen. Auch die Büros der arabisch- und englischsprachigen Gemeinden genießen Gastrecht bei ihrer deutschen Schwesternkirche.
Das gottesdienstliche Leben der kleinen einhundert Personen umfassenden deutschsprachigen EKD- Gemeinde ist z.B. mit wöchentlichem Chor, Gemeindeabenden und After-Work-Abenden rege. Die Gottesdienste werden gerne auch von Pilgergruppen besucht, die herzlich begrüßt werden. Dies kennzeichnet auch bereits eine Hauptaufgabe der Ev. Erlöserkirche neben dem Gemeindeleben für die in Israel lebenden deutschsprachigen Christen. Die Gemeinde dient deutschsprachigen Pilgern als Anlaufstelle. Durch flache Hierarchien und auf Gemeinschaft abzielende Gemeindeangebote kommt man schnell in Kontakt mit den vor Ort lebenden Mitarbeitenden und Gemeindegliedern, die auch Menschen, die nur für kurze Zeit in Jerusalem leben, eine familiäre Beheimatung bieten. Hier ermöglicht eine kleine engagierte und gastfreundschaftliche Kerngemeinde anderen das Erlebnis einer „Gemeinde im Vorübergehen“ bzw. das Erleben einer „Gemeinde als Herberge“4. Der Ev. Probst ist der Repräsentant derevangelischen Christenheit und somit ein wichtiger Brückenbauer zur Ökumene in der Stadt. Durch diese besondere Aufgabe als Stadt- und Pilgerkirche und durch die repräsentativen Aufgaben scheint die Jerusalemer Erlöserkirche schwer vergleichbar mit anderen Stadtgemeinden. Dennoch sehe ich besonders an einer Stelle exemplarisch ein Vorbild für andere Gemeinden. Gemeinsam unter einem Dach leben hier nämlich vier lutherische Gemeinden mit je eigenem Profil, die an besonderen Festtagen ihre Zusammengehörigkeit vielsprachig feiern. Dies scheint mir trotz der konfessionellen Verwandtschaft bemerkenswert. Gemeinsam unter einem Dach bedeutet hier ein vierfach aufgefächertes, lutherisches Gemeindeleben, das an einem Standort Möglichkeiten für die eigene (Sprach)Identität ermöglicht und zeitgleich verbindend wirkt. Auch zu römisch-katholischen Gemeinden und Gemeinschaften, insbesondere zur Dormitio, werden enge Kontakte und Kooperationen gepflegt. Gemeinsame Studienprogramme und die Zusammenarbeit beim Volontärprogramm sind hier Ausdruck einer lebhaften deutschen Ökumene.
Die griechisch-katholische Melkitische Kirche5 … interessierte mich besonders als röm.-katholische Rituskirche, die ihre Gottesdienste in der Tradition des byzantinischen Ritus und in arabischer Sprache feiert, unter kybernetischen Gesichtspunkten.
Zu den beiden besuchten Gemeinden in Jerusalem und Beit Sahour ist zuerst einmal zu sagen, dass sie vom Gemeindeleben sehr geschlossene und stimmige Gebilde sind. Das betrifft sowohl die Gemeindeglieder, die arabischsprachige Christen sind, deren Herkunft in vielen Fällen seit Jahrhunderten in der Region verwurzelt ist, als auch die Liturgien, die auf die byzantinische Zeit (3-6 Jahrhundert zurückgehen). In der Regel wird in der Sonntagsmesse die Liturgie des Heiligen Johannes Chrysostomos gefeiert. In der Passions- und Osterzeit habe ich aber auch andere Liturgien kennen lernen können. Bemerkenswert ist die hohe Beteiligung von Gemeindegliedern an der Gottesdienstdienstgestaltung und an den Passionsandachten. Nicht selten waren zehn Sängerinnen und Sänger an den Wechselgesängen beteiligt. Die Singpassagen wurden dabei von den jeweiligen Diakonen der Gemeinden spontan an Anwesende erfahrende Gemeindeglieder zugeteilt. Bei den Prozessionen vor der Evangelienlesung und der Eucharistie waren Kinder und Jugendliche als Messdiener beteiligt. Diese trugen Kerzen, Kreuze, Cherubim und Seraphimsymbole und gingen dem Evangelienbuch, einer Ikone oder Brot und Wein in Begleitung in der Regel von reichlich Weihrauch voraus. In keiner Kirche habe ich so eine große Anzahl an ehrenamtlich Beteiligten erlebt.
Dies gilt insbesondere für den Standtort Beit Sahour, dessen Gemeindearbeit seit 2013 durch einen Priester verantwortet wird, der den Schwerpunkt auf Kinder-, Jugend- und Familienarbeit gelegt hat. Unter dem Dach der melkitischen Kirche versammeln sich seit Jahrhunderten diejenigen Christen, die von der liturgischen Form den byzantinischen Ritus feiern und von der Sprache her Arabische sprechen. Es waren um das Jahr 1724 herum wohl politische Gründe, die die zuvor unabhängige Kirche bewog, sich unter das Dach der katholischen Kirche zu begeben.
Auch wenn in grundsätzlichen Lehren wie dem Trinitätsverständnis und dem Sakramentsverständnis zwischen den beiden Partnern Einigkeit besteht, so ist doch die liturgische Entfaltung (z.B. bei den litaneimäßigen Gesängen) weit voneinander entfernt. Dennoch ist es möglich, dass beide Identitäten unter einem Dach existieren und die melkitische Kirche sich dem Papst in Rom unterstellt hat. Die Vereinbarungen gewähren weitgehende Autonomie, so dass die Kirche vor Ort über Gestaltungsspielräume verfügt, die sich so unter dem lateinischem Patriachat nicht ergeben würden. Bischöfe werden so aus den Reihen der melkitischen Kirche vorgeschlagen und durch den Papst bestätigt.
Unter kybernetischen Fragestellungen sind solche Formen vielleicht auch für die Ev. Kirchen eine interessante Gestalt sein, nämlich dort, wo sich entstandene Gemeinden anderer Sprache, Herkunft oder Kultur unter dem Dach der Landeskirchen begeben wollen. Einzelne zögerliche Ansätze gibt es dazu bereits auch in der westfälischen Kirche (z.B. die Creative Kirche Gemeinde in Witten), meist beschränkt sich der Kontakt aber auf die Ebenen der Koexistenz oder Kooperation.
Der Integration scheint die Frage nach der Kompatibilität unter theologischen und liturgischen Gesichtspunkten genauso im Wege zu stehen wie der für die westlichen Kirchen wichtigen Strukturfragen z.B. in Bezug auf Fragen des Personals (Qualitätssicherung durch Standards in der Ausbildung der Hauptamtlichen, die Frage nach Laienordination, Prädikantenausbildung, etc…).
Jüdisches Gemeindeleben in Jerusalem Eine vergleichbare Vielfalt der christlichen Denominationen findet sich m.E. in der jüdischen Synagogenwelt. Die staatlich anerkannten orthodoxen Synagogengemeinschaften nehmen dabei eine besondere Stellung ein. Sie und die Lehrenden und Lernende der zahlreichen Thoraschulen werden seitens des Staates Israel finanziell unterstützt und sind in die Strukturen dermaßen eingebunden, dass nur orthodoxe Rabbinen Ehen schließen und scheiden dürfen. Schüler der Thoraschulen sind vom Militärdienst befreit.
Daneben existieren konservative und reformierte Synagogengemeinschaften, die sich selbst organisieren und finanzieren. Einzelne Institute wie z.B. das Hebrew Union Collegue oder das Schechter Institute for Jewish Studies übernehmen die Rabininnen- und Rabbinenausbildung.
In reformierten Synagogengemeinschaften gilt die Gleichberechtigung von Mann und Frau, das heißt, es gibt Rabbinerinnen, keine separaten Bereiche im Gottesdienstraum für Männer und Frauen und Frauen werden wie Männer am gottesdienstlichem Leben beteiligt. Die selbstständigen Gemeinden zeichnen sich durch ein teilweise sehr hohes Maß an ehramtlichem Engagement und Verantwortlichkeit aus.
Die Synagogengemeinschaft Kehilat Zion und die Spiritualiät der gelebten Begegnung Eine Synagoge sticht dabei durch eine besonders weiten Ansatz aus. Die Kehilat Zion6, die sich selbst als konservativ-reformiert bezeichnet. Diese erst im Jahr 2013 gegründete Synagogengemeinschaft hat den Anspruch „Welten zu verbinden“. Mit Slogans wie „Come as you are“ und „Worlds can be bridged“ laden sie Menschen aller Herkunft und Religion ein, den Synagogengottesdienst mit zu feiern. Dieser ist ein mit persönlicher Spiritualität gefüllter Gottesdienst, der musikalisch sephardische und aschkenasiche jüdische Traditionen verbindet. Interreligiöse Kontakte werden intensiv gepflegt. Die Synagogengemeinschaft ist einem konservativ-reformierten Synagogenverbund angeschlossen. Zugleich sieht sie sich als progressiv in ihrer Ausrichtung. Neben dem gottesdienstlichen Leben werden soziale Projekte wie eine Kleiderkammer betrieben und der Kontakt zu einem nahen Altersheim gepflegt, wohin zwei Mal im Jahr die Synagogengottesdienste verlegt werden.
Obwohl Menschen aller Glaubensrichtungen herzlich willkommen sind, ist es doch keine Mischform, die sich hier ergibt. Die Identität der Kehilat Zion nährt sich durch eine authentische Interpretation des Judentums in neuen und alten Liedern, die die Texte der Thora bzw. des Tanach neu interpretieren. Die Rabbinerin der Gemeinde, Rabbi Tamar Elad Appelbaum, gibt die chassidische Tradition als eine der Insprirationsquelle für die Lebendigkeit und Offenheit der Gemeinde an. Zugleich sieht sie sich im schöpfungstheologischen Kontext mit den Menschen weltweit und allen Glaubensrichtungen verbunden und insbesondere mit Christen und Muslimen als Nachfahren Abrahams. Es war eine besondere Ehre für mich und einen weiteren Pfarrer im Kontaktstudium, vor der Synagogengemeinde an einem Shabbatabend über unseren christlichen Glauben sprechen zu können.
Zur DNA der Gemeinde gehört die Erkenntnis, dass nur über persönlichen Kontakt wirkliche Begegnung geschehen kann7. Dies drückt sich in einer ausgeprägten Kultur der Gastfreundschaft und des Dialoges aus. Für mich persönlich führte dies zu häufigen Einladungen an Shabbatabenden, zu verschiedenen Kaffeetrinken und zur Teilnahme am Sederabend während des Pessach.
Von den drei exemplarisch dargestellten Gemeinden ist die Kehilat Zion diejenige, die ich als interkulturellste in Jerusalem erlebt habe. Hier werden am weitesten Welten verbunden, sowohl innerjüdisch die sephardische mit der aschkenasischen, als auch andere Glaubensfamilien in einer Spiritualität der zwischenmenschlichen Begegnung. Auch in der Kehilat Zion ist es möglich temporär mit zu leben. Anders als in der Ev. Erlöserkirche sind es hier aber weniger Touristen und Besucher, sondern Jerusalemer Nachbarn oder Interessierte aus verschiedenen religiösen oder kulturellen Kontexten, die die Nähe zur Synagogengemeinschaft suchen. Die Kehilat Zion ist als Synagogengemeinschaft das, was im europäischen Kontext üblicherweise Profilgemeinde oder in der anglikanischen Kirche eine fresh expression of church genannt wird.
In Abgrenzung zur zwar gastfreundlichen aber eher auf Komm-Strukturen ausgerichteten Kehilat Har-El, gehen die Mitwirkenden der Kehilat Zion auch aktiv hinaus in den Stadtteil.
Ökumene nimmt Gestalt an, wo man miteinander redet und feiert
Das Leben der christlichen Gemeinden und Kirchen in Jerusalem ist vielfältig. Von traditionsreichen armenischen und griechisch-orthodoxen Gottesdiensten bis hin zu denen der Ev.-Lutherischen Gemeinden, die „erst“ seit rund einhundertfünfzig Jahren in der Altstadt vertreten sind, gibt es eine Vielfalt an Gemeinde- und Gottesdienstlichen Leben, das seines gleichen sucht. An keinem Ort der Welt kommen sich die Glaubensfamilien näher. Allein auf dem kleinen, einen Quadratkilometer großen Gelände der Altstadt Jerusalems befinden sich 155 Kirchen. Das Gebäude der Grabeskirche teilen sich sechs Denominationen.
Nach meiner Beobachtung existieren viele dieser Kirchen die meiste Zeit des Jahres in friedlicher Koexistenz nebeneinander her, wobei im Grunde zumindest eine Grundakzeptanz gegenüber den Glaubensgeschwistern herrscht. Etwas heraus fällt bei dieser Tendenzaussage nach Berichten von ökumenischen Akteuren in der Stadt die griechisch-orthodoxe Kirche, die sich zwar z.B. an der Gebetswoche der Einheit der Kirchen beteiligt, sich aber auch durch eine bewusste oder nicht bewusste Distanzierung von anderen Glaubensfamilien abgrenzt. So wird die Liturgie z.B. während der Gebetswoche für die Einheit der Christen in der Gegenwart der anders Konfessionsfamilien gefeiert. Zu einer wirklichen Partizipation kommt es aus Perspektive armenischer und evangelischer Gesprächspartner nicht. Aber auch hier scheinen zumindest in einzelnen Ortgemeinden wie im nahen Beit Sahour vorsichtig Brücken gebaut zu werden: Der lokale griechisch-orthodoxe Priester muss sich zwar noch die Erlaubnis im Patriarchat abholen, mit einer Lesung beim ökumenischen Gottesdienst mitzuwirken, diese wird ihm aber in der Regel erteilt. Erwähnen möchte ich an dieser Stelle auch eine festzustellende Reserviertheit von Gesprächspartner gegenüber messianischen jüdischen Gemeinden, insbesondere, wenn diese eine aktive Missionstätigkeit unter Juden verfolgen.
Alle Welt schaut nach Jerusalem. Die Vertreter sind sich dessen bewusst und haben Formen geschaffen, ihre Verbundenheit auch über offizielle Empfänge zum Neujahr beim griechischen oder armenischen Patriarchen zu pflegen. Dass die seit 40 Jahren bestehende Gebetswoche für die Einheit der Kirchen mit Beteiligung der griechisch-orthodoxen, der armenisch-orthodoxen, der koptischen, der äthiopischen, der röm.-katholischen in Form der Benediktiner der Dormitio, der anglikanischen und der vier evangelisch-lutherischen Kirchen jedoch vom „Freundeskreis der Ökumene“, einem inoffiziellen Treffpunkt, der von Pater Franz, einem weißen Vater, zusammengehalten wird, spricht Bände. Dem Ergebnis tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil scheint hier in den an die Gottesdienste anschließenden Empfängen viel Herzlichkeit und Miteinander stattzufinden. Eine enge Zusammenarbeit konnte ich auch zwischen der deutschsprachigen Ev. Erlöserkirche und der röm.-kath. Dormitio beobachten, nicht zuletzt durch die Kooperation bei den jeweiligen Studienprogrammen oder im Volontärsprogramm.
Insgesamt habe ich den Eindruck, dass in vielen Städten in Deutschland viel selbstverständlicher Ökumene gelebt und zusammengearbeitet wird als in Jerusalem.

Interreligiöser Dialog
Begegnungen zwischen den Religionsgemeinschaften – so sie denn stattfinden – leben stark vom Interesse der Basis und einzelnen Akteuren, denn durch Würdeträger oder Einrichtungen. Jüdisch-christliche Gesprächskreise gibt es ebenso wie Begegnungen zwischen theologischen Ausbildungsprogrammen. Interreligiöse Gebete gibt es nach meiner Kenntnis nicht auf offizieller Ebene, jedoch durch Basisinitiativen. So habe ich einen monatlich stattfindenden interreligiösen Gebetsspaziergang, diesmal vom Jaffator zum Davidsgrab, miterlebt, der von jüdischen, christlichen und islamischen Gläubigen organisiert wurde. Diese und andere Initiativen scheinen aber eher auf privates Engagement zurück zu führen sein.
Diakonisches, gesellschaftliches und politisches Engagement In allen drei dargestellten Gemeinde gibt es eine der Diakoniekasse vergleichbaren Struktur, die direkte und unbürokratische Hilfe ermöglicht. Die Kehilat Zion ergänzt dieses Engagement durch eine Kleiderstube. Die Ev. Erlöserkirche spendet z.B. den Erlös eines Basars und in der Melkitischen Kirche wird im Einzelfall diakonisch unterstützt.
Auch seelsorgliche Arbeit an den Kranken und Armen wird intensiv betrieben.
Die politischen Gespräche in den Gemeinden waren im Frühjahr 2019 durch den Israel-Palästina Konflikt, die Wahlen in Israel und die Frage nach einer Rentenversicherung in Palästina geprägt.
In den beiden christlichen Gemeinden wurde in der Öffentlichkeit sehr zurückhaltend und diplomatisch über diese Themen gesprochen. In der Synagogengemeinschaft, war die Wahl auch in Predigt und Gebet ein wichtiges Thema. Hier wurde sogar zu einer Demonstration vor dem Amtssitz des amtierenden Premierministers aufgerufen.

Zusammenfassung und Fazit
Kann man von einem dreimonatigen Aufenthalt in Jerusalem bzw. in Israel Palästina etwas für die Entwicklung der christlichen Gemeinden in einem multikulturellen Deutschland lernen? Auf dem ersten strukturellen Blick vielleicht nicht. Zu sehr scheint der Ausnahmezustand der christlichen Gemeinden als Minderheit in einem mehrheitlich jüdisch bzw. muslimischen Land und die Ausnahmestellung der Gemeinden an der historisch und religiös besonderen Stelle des Heiligen Landes von der Situation in Deutschland abzuweichen. Zu sehr scheinen sich die Gemeinden mit ihren Aufgaben als Pilgerorte und die Projekte als Leuchtturmprojekte für friedliche Zusammenarbeit zu unterscheiden. Zu unterschiedlich scheint die Vielfalt der Konfessionsfamilien gegenüber der Kirchenlandschaft in Deutschland, die von den Zahlen her von den beiden Volkskirchen geprägt wird.
Dennoch: Was ist in Bezug auf die Ausgangsfragen nennenswert, wenn ich vergleichend einen Blick auf die drei besonders intensiv besuchten Gemeinschaften werfe? Das was auch für Deutschland gilt:
 Eine Gemeinde / ein christliches Projekt braucht einen Identitätskern, der z.B. in der gemeinsamen Herkunft, einer gemeinsamen Kultur oder Sprache, einer Aufgabe/Beauftragung/“Mission“, einer gemeinsamen Spiritualität oder Theologie bestehen kann. Ohne einen Identitätskern kann eine Verbindung von Menschen nicht wirklich gelingen. Ist er vorhanden und tragfähig, spielen andere Faktoren wie Herkunft oder gesellschaftliche Unterschiede keine Rolle. Jegliches ekklesiologisches Homogeniätsprinzip wird außer Kraft gesetzt, wenn sich Menschen um einen tragfähigen Identitätskern vereinigen.
 Gemeinde und Kirche braucht Menschen, die für diesen Kern stehen und ihn vermitteln können. Das ist umso wichtiger je weniger Traditionen oder Strukturen vorhanden sind, die an der Stelle von Menschen Zusammenhalt bieten können.
 Förderlich für die Identifikation sind Beteiligungsstrukturen. Sie scheinen ein Schlüssel für ein blühendes Gemeindeleben zu sein.
 Gemeinde braucht lebendige Gottesdiensttraditionen. Dabei ist der Ausgestaltung der Liturgie keine Grenzen gesetzt: Für manche Menschen ist es der Reiz in jahrtausendalten Traditionen beheimatet zu sein, für andere ist die Neukomposition der Tradition wichtig.
 Gemeindeleben wird lebendig durch persönliche Begegnungen und eine Kultur der Gastfreundschaft.
 Jede einzelne Gemeinde ist in einem ökumenischen Kontext eingebunden. Je nach Berufung einer Gemeinde kann dieser unterschiedlich interpretiert werden. Die Kirchen repräsentieren in ihrer Vielfalt den Schöpfungsreichtum und die Vielfalt Gottes. Ökumene gelingt dort, wo Menschen sich dafür einsetzen.
 Gemeinden und Kirchen brauchen einen vereinbarten Status quo, gerade dort wo es Meinungsverschiedenheiten gibt.
 Vielfalt in Theologie und Spiritualität ist kein Hindernis für gelebte Einheit.
 Alle Gemeinden sind gesellschaftlich und politisch gefragt. In den christlichen Gemeinden ist eine besondere Behutsamkeit bei politischen Fragen zu erkennen. Hier scheint die Synagogengemeinschaft sich direkter und progressiver zu verorten.
Während ich diese Gedanken aufschreibe, realisiere ich, dass sich die Gemeinde- und Kirchenlandschaft in Jerusalem sich gar nicht so sehr von der in Deutschland unterscheidet. Gemeinden und Kirchen sind einfach zuerst einmal Sozialformen, die mit Leben gefüllt werden können. Der Unterschied liegt vielleicht darin, dass es in Jerusalem eine solche Vielfalt von Gemeinden gibt, dass für sehr viele Kontexte Angebote vorgehalten werden, sei es unter einem Dach in den Weltkirchen oder nebeneinander in den National- bzw. Volkskirchen sowie den freien Profilgemeinschaften. Der Verkündigung des Evangeliums kann es dabei sicher gleich sein, welche Organisationsstruktur die jeweiligen Gemeinschaften haben.
Für die Ev. Kirche von Westfalen oder auch andere Gliedkirchen der EKD stellt sich die Frage, wie ihre Gemeinden in Zukunft angesichts einer multikulturen Gesellschaft aufgebaut sein sollen. So wird auch in meinem gemeindlichen und kreiskirchlichen Kontext immer wieder die Frage aufgeworfen: Was ist der Markenkern evangelischer Kultur bzw. gibt es diesen? Schnell kann man durch die Besinnung auf die eigene Identität andere ausgrenzen. Das gilt nicht nur für Menschen mit Migrationshintergrund (Zitat aus meiner Gemeinde: „Es werden zu viele englische Lieder gesungen“), sondern auch für die Jugendkultur oder andere Lebenskulturen. Gleichwohl gilt es, bewährte Traditionen zu respektieren.
Soziologisch betrachtet benötigt es homogene Strukturen in der Basis, um Menschen Beheimatung in ihrer Kultur zu ermöglichen. Wie sich dann die homogenen Gemeinschaften miteinander verbinden, sei es strukturell unter dem Dach einer Weltkirche oder durch persönliche Kontakte und flexible Strukturen in einer Profilkirche ist meiner Meinung nach sekundär, in Jerusalem wie in Deutschland. Lebendige und progressive Bewegungen wie die Synagogengemeinschaft Kehilat Zion brauchen keine Dachverbände und haben dennoch eine gesellschaftliche Tiefenwirkung.
Vieles würde aber dafürsprechen, nicht nur Menschen anderer Sprache und Herkunft in die Gemeinde- und Kirchenstrukturen zu integrieren, sondern auch bei weitgehender Selbstständigkeit ganze Gottesdienstgemeinschaften, Ordensgemeinschaften oder gar Gemeinden wie es die römisch-katholische Kirche praktiziert. Wie weit die Denk- und Handelsmöglichkeiten einer evangelischen Landeskirche sind, um auch andere Spiritualität und Theologien unter einem Dach zu verbinden und kybernetische Konsequenzen aus der Erfahrung anderer Kirchen wie z.B. der römisch-katholischen zu ziehen, wäre sicher unter kybernetischen Gesichtspunkten ein interessantes Diskussionsthema.
Über den kybernetisch-strukturellen Aspekt hinaus finden sich besonders in der jüdischen Tradition hilfreiche Inspirationen für das Zusammenleben: So ist es ein Urgedanke jüdischer Theologie, dass Zusammenleben geregelt sein muss. In den Mizvot der Thora drückt sich dieser Gedanke aus. Dabei ist es eine interessante Beobachtung, dass das Wort Mizvot, das in der Regel mit „Gesetze“ übersetzt wird, gleichzeitig auch etymologisch „Gemeinsam“ bedeuten kann. Die Bedeutung des Wortes Thora als „Weisung“ (für ein gelingendes (Zusammen)leben) zielt in die gleiche Richtung.
Eine alte philosophische Frage der Identitätstheorie ist es, ob der Konsens gesellschaftsbildend8 oder ob der Dissens Normalzustand in einer Gesellschaft ist9. Folgt man letzteren pluralistischen Ansatz, dann geht es auch im gemeindlichen Leben weniger um einen Konsens, sondern um Kooperation, Integration oder im Fall der Fälle Koexistenz. Geht man davon aus, dass in 8 Vgl. z.B. Platon, Jean-Jacques Rousseau (volonté générale), Karl Marx oder Carl Schmitt 9 Vgl. z.B. z. B. Aristoteles, John Locke (agree to disagree) bis hin z. B. zu Immanuel Kant, Ernst Fraenkel und Hannah Arendt
Gemeinden und Kirchen in Bezug auf Theologie und gelebte Spiritualität ein Einstimmigkeitsprinzip vom Selbstverständnis nicht notwendig, sondern der Vielfalt des Schöpfungswirkens konträr gegenübersteht, so kann man sich an der Vielfalt der religiösen und kirchlichen Landschaft in Jerusalem und anderswo erfreuen.
Die Beschäftigung mit dem rabbinischen Judentum verweist dabei auf eine reiche, kontroverse und intensive Diskussionskultur. Auch hier ist der Diskurs nicht Einschränkung der Einheit, sondern Ausdruck der Vielfalt. Die Lektüre der Texte der Mischna oder des Talmuds in beiderlei Fassungen sind nicht nur aufschlussreich für das Verständnis des Christentums. Sie verweisen auch auf eine Lehr- und Streitkultur, die ihres gleichen sucht und intellektuell höchst anregend ist. Zumindest wenn der Dialog auf Augenhöhe von gegenseitigen Respekt und Vorurteilsfreiheit gekennzeichnet ist.
Das Suchen der Einheit der Christenheit auf einer höheren Ebene ist nach wie vor ein mit einer großen Verheißung verbundener Auftrag. Theologisch ist die Einheit dabei sicher in Christus zu suchen (Vgl. Johannes 17). Persönlich in der Begegnung mit den Geschwistern bzw. mit den Mitmenschen. Als zeitlos und inspirierend nahm ich für diesen Gedanken dabei einmal mehr die Lektüre von Martin Bubers sozialphilosophische Dialogtheorie wahr.
Dem stehen viele trennende Herausforderungen und Hindernisse im Wege. Ein Schwerpunktthema meiner Zeit war die Thematik der unterschiedlichen Narrative und die Konstruktion von Dogmen (z.B. beim Studientag zu den orthodoxen Kirchen, Konzilen und der Entwicklung des Trinitarischen Dogmas) und historischen Darstellungen (z.B. beim Blogseminar Archäologie mir Florian Lippke). Das drückt sich nur in einer Vielzahl von historischen Meinungen aus, sondern auch tagespolitisch. Der Gedanke eines jüdischen Nationalstaates bewegt seit dem Nationalstaatsgesetz im Jahr 2018 die Menschen im Land. Ist Israel ein Zweiklassenstaat? Scheinbar ist es auch für seriöse Gesprächspartner durchaus möglich, den Gedanken eines Nationalstaates mit dem Ja zu einer pluralen Gesellschaft zu verbinden. Gleichzeitig scheinen die unterschiedlichen Narrative in der Israel-Palästina-Frage auf bedenkliche Art und Weise instrumentalisiert werden. Bedenklich, weil nicht mehr der Mitmensch im Focus steht, sondern die Sache.
Für mich persönlich bleibt neben zahlreichen Studienerfahrungen und dem Sabbaticalaspekt eines Studiensemesters der Einblick in eine spirituell reiche Stadt, in der theologische, spirituelle und kulturelle Vielfalt kein Widerspruch, sondern naturgemäßer Ausdruck der Vielfalt der menschlichen Natur sind.

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Pal%C3%A4stina_(Region)#Osmanische_Herrschaft
2 https://de.wikipedia.org/wiki/Alija
3 http://www.evangelisch-in-jerusalem.org/Gemeinde/gemeinde.php
4 Vgl. Jan Hendriks, Gemeinde als Herberge: Kirche im 21. Jahrhundert - eine konkrete Utopie, 2001
5 https://de.wikipedia.org/wiki/Melkitische_Griechisch-katholische_Kirche
6 https://studiodov.wixsite.com/kehilat-zion
7 Vgl. dazu Martin Bubers programmatische Schrift „Ich und Du“ aus dem Jahr 1923.

Sonntag, 28. April 2019

Was für ein schrecklich schönes Land

Blick von Emmaus/Nicopolis
Die Monate meines Sabbatical mit Studienzeiten, Reisen durchs "Heilige" Land sowie zahlreichen Begegnungen gehen für mich in diesen Tagen zu Ende. Es wird Zeit, zurück zu schauen: Was habe ich nicht alles erleben dürfen! 
Seit Tagen schreibe ich an einem möglichen abschließendem Blogeintrag und merke wie ein solcher nicht wirklich gelingen will, ja auch gar nicht gelingen kann. Es fehlt nicht an Worten und Masse, die im Gegenteil für mehrere Beiträge reichen würde. Doch Worte und Sätze können nicht ausdrücken, was ich in den letzten drei Monaten erleben durfte. Deshalb an dieser Stelle nur ein abschließender kurzer Text. Demnächst dann - falls gewünscht - mehr in der persönlichen Begegnung oder beim GoBrunch am Sonntag, den 19. Mai 2019 um 11h in der Christuskirche in Witten oder anderer Gelegenheit. 

Ich schaue derweilen zurück auf Blockseminare und Seminareinheiten mit Studium in Israel zu den Themen Archäologie, Islam und zu den Orthodoxen Kirchen sowie zahlreiche Einzelvorträge von Experten vor Ort zu historischen und zeitgeschichtlichen Themen. Auf zahlreiche Andachten und Gottesdienste der christlichen Konfessionsfamilien sowie der jüdischen Synagogengemeinschaften.
Intensiv habe ich mich nicht nur in Theorie und Praxis mit rabbinischer Hermeneutik, sondern z.B. auch damit beschäftigt, wie manches hier über die Jahrhunderte historisch konstruiert wurde und wie die gegenwärtige politische und gesellschaftliche Situation vom Kampf der Narrative geprägt ist. 
Die Sephardische Ari Synagoge in Safed 
Dreimal war ich im Norden des Landes und
besuchte Städte wie Haifa, Akko oder Safed, zweimal reiste ich in den Süden bis nach Eilat. Auf den Spuren Jesu bin ich für einige Tage in Galiläa von Nazareth über Kana und den Arbel bis nach Tiberias am See Genezareth auf dem Jesustrail gewandert. Auf den Spuren Abrahams war ich mit Übernachtung in einem von Frauen geführten Haus in einem palästinensischen Flüchtlingslager in Jericho und dann durchs Wadi Kelt bis zu einem Beduinendorf am Toten Meer unterwegs. Bei einem Tagestrip zur geteilten Stadt Hebron habe ich die Höhle Machpela, in der die Erzeltern begraben wurden, besucht. Heute ist
Vor dem Bau über der Höhle Machpela in Hebron
der durch Herodes über der Höhle gebaute Bau mit seiner Synagoge und seiner Moschee ein Ort der Verbundenheit und Trennung zwischen den abrahamitischen Religionen zugleich. Die Teilung des Landes habe ich auch bei einigen Ausflügen nach Jericho, Bethlehem, Beit Jala oder Beit Sahour erleben müssen. Nicht nur offensichtlich an den Checkpoints.




An drei Orten bin ich durch die herzliche Menschen besonders heimisch 
Ev-Luth. Erlöserkirche Jerusalem
geworden: In der Ev. Luth. Erlöserkirche im Herzen der Altstadt, die mir als deutschsprachige Gemeinde von Anfang an ein sicherer Hafen war und in der ich gleich zu Beginn herzlich aufgenommen wurde. Auch in der Synagogengemeinschaft Kehilat Zion, die mich für mich unerwartet als Christen herzlich in ihrer Mitte aufnahm und mir neben den Besuchen im Gottesdienst zur Begrüßung des Shabbat gerade auch durch Einladungen zu Shabbatabendessen und zum Sedermahl am Pessach außergewöhnliche Gastfreundschaft bewies. Und drittens in der griechisch-katholischen Melkitischen Kirche in Beit Sahour und Jerusalem, wo mir mit Abuna Suhail und Elias Awad zwei herzliche Freunde die Welt in die byzantinische Liturgie öffneten und das Leben einer arabischsprachigen palästinensischen Gemeinde öffneten. 

Ich habe ja intensiv über die einige der vielen Begegnungen am Wegesrand berichtet. Was für ein schrecklich schönes Land ich erleben durfte! Ein Land das nicht nur reich ist an unterschiedlichsten Naturräumen, sondern auch an einer Vielzahl von Kulturen und Lebensweisen. Ich sehe das als Gast und Freund als Gewinn und wünschte mir, dass dies auch alle Bewohner so sehen könnten. Ich weiß, dass dies für manche mehr als schwer ist. Manches Mal habe ich mit jüdischen Freunden über meine Reisen in die palästinensischen Gebiete und die Begegnungen dort gesprochen und andersherum mit palästinensischen Freunden über meine Begegnungen mit jüdischen Freunden und dabei gemerkt, mit welchem großen Interesse man mir folgte, weil diese Begegnung Ihnen zur Zeit nur schwer möglich sind.
Das Heilige Land hat viel in dieser Hinsicht zu
Blick aus der Oase En Gedi aufs Tote Meer
bieten. Ich lasse noch einmal die Landschaften vor meinen inneren Augen und beim Betrachten von Fotos an mir vorbei ziehen. Es verwundert nicht, dass die Exilanten in Babylon saßen und sangen: An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Es verwundert mich nicht, wenn Palästinensische Bewohner sagen: "Jerusalem is our". Es wundert mich nicht, wenn Christen zu den beiden Osterfeiern nach Jerusalem pilgern und stundenlang Schlange stehen, um nur 30 Sekunden im Heiligen Grab beten zu können.
Viele Menschen lieben Sehnsuchtsorte. Wie 
schön wäre es, wenn Sehnsucht und Erfüllung zusammen treffen. Nicht immer habe ich dies an den bekannten Orten erlebt, manchmal aber auch dort. Manche Orte müsste ich mir erst er“leben“. Ich hatte nach knapp 20 Jahren Dienst in meiner Kirche dankenswerter Weise Zeit, einfach einmal ein paar Stunden oder auch eine Nacht da zu sitzen, zu lesen, nachzudenken. 
Und ich hatte als Besitzer eines Deutschen Passes auch freien Zugang in alle Teile des Heiligen Lande und würde als Reisender überall gleich herzlich begrüßt.
Dabei habe ich den Eindruck nur einen großen Kosmos angekratzt zu haben. Und doch habe ich meiner Meinung nach genug gesehen, um sagen zu können, dass ich auf meiner Lebensreise einen weiteren Teil 
meiner menschlichen Familie kennen lernen durfte. Familienmitglieder, die in einem schrecklich schönen Land leben. 
Vielfalt: Eine von 400 Rosen im Jerusalemer Rosengarten
Nicht gegen  Menschen kann ich sein, sondern nur gegen Ideen von Exklusivität und Ausgrenzung. Ich bin nicht blind für all das (und kann gerne im persönlichen Gespräch über viele Beobachtungen etwas mitteilen), aber ich teile die Einschätzung von Daoud Nasser vom Tent of Nation in Beit Jala: Der gewalttätige Aufstand hat nicht zum Frieden geführt, auch nicht Verhandlungen, Resignation verbietet sich. Es bleibt also nur der vierte Weg: Der Weg der Liebe. 

Einer von vielen gegangenen Wegen
In der Synagogengemeinschaft Har-El wird im Gottesdienst am Shabbatmorgen für die Soldaten der Israelischen Armee gebetet. Zugleich wird aber darum gebeten, dass in Erfüllung geht, was der Prophet Micha gesehen hat: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ (Micha 4) 

Der Text geht noch weiter und dies ist mein abschließender Wunsch für die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes, die mir so viel Gastfreundschaft gewährt haben: „Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken“ (Micha 4, 4).

Bis dahin wird es sicher noch ein langer Weg sein. Ein Weg, den ich einige Monate vor Ort begleiten durfte, und den ich aus der Ferne sicher im Gebet weiter gerne mitgehe.



Samstag, 20. April 2019

Sameach Pessach und Gesegnete Ostern - Feiern in Jerusalem

Prozession des lat. Patriarchats
Vielfältig sind die Feiern in der Karwoche und zum Osterfest in Jerusalem. Sie sind Ausdruck einer 2000jährigen Tradition und der Verschiedenheit der Menschen in dieser Stadt und dieser Welt. Eine Besonderheit: Gleichzeitig auf den besinnlichen Karfreitag fällt in diesem Jahr das fröhliche Pessachfest. Für denjenigen, der sich auf die Atmosphäre dieser Stadt einlassen möchte ist dies eine emotionale Herausforderung. Ich stelle mich ihr!
Prozession am Palmsonntag
Doch ich fange mal besser von vorne an: Nach den Passionsandachten – und Gottesdiensten der letzten Wochen war der Palmsonntag mit seiner stimmungsvollen und fröhlichen Prozession von Betphage auf dem Ölberg zur Kirche der Heiligen St. Anna am Löwentor in der Jerusalemer Altstadt ein wohltuendes Erlebnis. Südamerikanische (geistliche) Sambamusik, fröhliche philippinische Gesänge, neuere oder ältere Lieder der weltweiten Worshipbewegung wie "10,000 Reasons" oder „Shine, Jesus Shine“,
Taizegesänge wie „Ubi Caritas“ und zwischendrin mit „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt…“ ein Klassiker des Neuen Geistlichen Liedgutes, -das ist das Spektrum des stimmungsvollen Ganges im schönsten Sonnenschein. Einige Tausend Menschen ziehen an diesem Sonntagnachmittag mit Palmzweigen die etwa zwei Kilometer lange Strecke. Es geht langsam voran, so dass dies
inklusive Auftakt und Abschlussgottesdienst knapp drei Stunden dauern wird. Erinnert wird an den Einzug Jesu, der unter Jubel der Bevölkerung auf einem Esel in Jerusalem einzieht und dort wie ein König begrüßt wurde, indem vor ihm Palmzweige und Kleiderstücke auf den Boden gelegt wurden. Der Ritt auf einem Esel war dabei ein Ausdruck von Demut und gehörte zur Krönungszeremonie der israelischen Könige. 


In den folgenden Tagen der Karwoche nehme ich an verschiedenen Gottesdiensten teil und erlebe, wie tägliche Prozessionen durch die Stadt oder auch die Grabeskirche stattfinden. 

Die Christen der Stadt gedenken der letzten Tage im Jesus Leben, seines Abschiedes von den Jüngern, seiner Gefangennahme, seiner Verurteilung 
und Kreuzigung. 

Die Liturgien der verschiedenen Konfessionen unterschieden sich dabei in Sprache, Melodieführung und der gesamten Liturgie. Es wird auf Griechisch, Lateinisch, Armenisch, Deutsch und in vielen weiteren Sprachen zelebriert. Mal a Cappella, mal mit Orgel, dann wieder schweigend. Vielfältig sind auch hier die Formen der Anbetung. 

 Gründonnerstag in Beit Sahour
Besonders beeindruckt hat mich in diesen Tagen ein Gottesdienst am Gründonnerstag in der griechisch-katholischen Melkitischen Kirche in Beit Sahour, in dem der Ortspfarrer Abuna Suhail die Fußwaschung Jesu mit 12 jungen Männern der Gemeinde nachempfand und auch schon im Vorgriff auf die Kreuzigung in einer Prozession das Kreuz Jesu dreimal durch die Kirche trug. 


In dem dreistündigen Gottesdienst sind nicht weniger als 50 Personen beteiligt, die mit Lesungen und Gesängen zwölf Texte der Passionsgeschichte in Szene setzen. Alle anwesenden Kinder gehen mit Kerzen, Kreuzen oder anderen geistlichen Symbolen dem Kreuz Jesu voraus, das vom Ortpfarrer Abuna Suhail getragen wird. 

Ich frage ihn hinterher, was er dabei empfunden hat. Er verrät mir, dass dies für ihn der dichteste Moment des Gottesdienstes ist und er sich emotional durch das Tragen des Kreuzes Jesus am nächsten fühlt.
Wer sich diese Prozession oder andere einmal ansehen möchte und über einen facebook-Account verfügt, der kann dies auf der fb-Seite der Gemeinde in Beit Sahour tun.

Wie Abuna Suhail geht es wohl auch den Pilgern in Jerusalem, die in diesen Tagen mit Kreuzen durch die Stadt laufen. Ob mit oder Kreuz: Die Menschen wollen Jesus nahe sein, ihm auf die Spur kommen, den besonderen Segen der historischen Städten in sich auf nehmen und verinnerlichen.

Auch ich kann und will mich diesem Erleben nicht entziehen, es war ein Grund noch über die Karwoche und die Ostertage in Jerusalem zu bleiben.
Die Gottesdienste am Karfreitag sind ernst und besinnlich bestimmt. 
Ein typischer Pessachtisch(Foto: RadRafe, Wikipedia | Public Domain)
Welch Kontrast zum Freitagabend, an dem ich bei einer Familie aus „meiner“ Synagogengemeinschaft Kehilat Zion zum Pessachabend eingeladen bin. Pessach ist ein fröhliches Fest, so wünscht man sich zur Begrüßung Sameach Pessach: Ein fröhliche Passah. In diesem Jahr fällt es mit dem christlichen Osterfest zusammen. Pessach erinnert an den Auszug der Israeliten aus Ägypten und damit an die Befreiung aus der Sklaverei. Es war wohl ein Pessachabend, an dem sich Jesus von seinen Jüngern verabschiedet hat. In der Christuskirche in Witten erinnern wir jedes Jahr daran, indem wir den Gründonnerstag in der Tradition des letzten Mahles Jesu mit einem Tischabendmahl feiern. 
Ich bin nun auf das Original gespannt und wie es eine jüdische Familie feiert. Am Ende des Abends bin ich sehr froh, dass wir mit der Wittener Nachempfindung gar nicht so weit vom Original liegen. Die familiäre Atmosphäre ist jedoch eine andere. Beim Nacherzählen der Geschichte vom Auszug der Israeliten aus Ägypten entfaltet sich ein Gespräch des Familienvaters mit seinen vier Kindern. Auch die Großeltern, die Ehefrau und ich überlegen offen mit, was die erlebten Ereignisse und diese Nacht zu bedeuten hat. Theologisch gewichtige Fragen wie das Verhältnis von Glauben und Werken werden erörtert: "War der Glaube Israels notwendig für den Auszug?" Unsere Überlegungen: Zumindest war es ein Gehorchen und Vertrauen, dass die Israeliten Blut an ihre Türpfosten zum Schutz strichen. Glauben braucht immer wieder Handeln und sichtbare Praxis. "Was ist wichtiger: Glauben oder Werke?", fragt der Hausvater. "Das ist eine Frage wie die nach der Henne und dem Ei", antwortet die ältesteste, fünfzehnjährige Tochter. Eine andere Frage drehte sich darum, warum Gott 10 Plagen über die Israeliten hat kommen lassen. Wären nicht weniger auch ausreichend gewesen. Der älteste Sohn der Familie mutmaßt, dass dadurch die Ägypter nachempfinden lernten, welches Leid sie den Hebräern angetan haben, als sie sie zu Sklaven gemacht haben und der Pharao sogar befahl, die Erstgeborenen seiner Untertanen in den Nil zu werfen. Ich teile meine Vermutung, dass dadurch der besondere Einsatz Gottes für sein Volk deutlich wird.
Alle Speisen von den bitteren Kräutern, dem Salzwasser, dem Charusset (nach Familientradition aus Datteln, Walnüssen und Zimt hergestellt), dem Lamm bis hin zur süßen Speise des Desserts haben eine Bedeutung an diesem Abend. Wen es interessiert: Über die Bedeutung kann man leicht etwas im Internet finden oder im nächsten Jahr in die Christuskirche in Witten kommen, wo es im Detail erklärt wird. Es ist aus heutiger Sicht keine einfache Geschichte, die an diesem Abend erzählt wird. Es ist eine Erzählung, die in sich viel Leid und Gewalt trägt. Zugleich ist es aber auch eine Erzählung, die die Möglichkeit zur Befreiung deutlich macht. Als freie Menschen treffen wir uns nächstes Jahr in Jerusalem heißt es dann auch an einer Stelle des Abends.
Am Karsamstag bereitet sich die Stadt mit weiteren Prozessionen auf den Ostertag vor. In der Nacht vom Karsamstag auf den Ostersonntag dann warten in der Grabeskirche Tausende von Gläubigen auf die Entzündung des Heiligen Feuers. Die Stimmung wächst an zum Osterjubel.

Gr.-kath. Melkitische Kirche 
Ich selbst feier den Frühgottesdienst zum Sonnenaufgang mit der griechische-katholischen Melkitischen Gemeinde und später den deutschsprachigen Gottesdienst in in der Ev.-Lutherischen Erlöserkirche in der Jerusalemer Altstadt. 
Besonders bemerkenswert: Der melkitische Gottesdienst begann vor der Kirchentür mit Gesänge und Gebeten. Bischof Yaser Al-Ayyash klopfte mehrmals gegen die Tür und erst als von Innen eine Stimme erschallte (Ich vermute mit der Auferstehungsbotschaft) öffneten sich diese und die Prozession hinein und der zweistündige Gottesdienst mit Lesungen und Abendmahl hinein begannen.
Freude liegt in diesen Stunden über der Stadt. „Der Messias ist erstanden“, wird gerufen.
Seit 2000 Jahren ist dieses Erlebnis eine Kraftquelle für Menschen: Einer hat den Tod überwunden und führt die Menschen in die Freiheit, so wie einst das Volk Israel in die Freiheit geführt worden ist.

Ich grüße von diesen Tagen des Feierns herzlich aus Jerusalem und schließe mich den frohen Wünschen an.


Vollmond kommt und geht.
Aus den Häusern klingen alte Liede.
Sameach Pessach -
Fröhliche Pessachtage
und eine gesegnete Osterzeit
allen Feiernden.
Der Geruch frischen Brotes erfüllt die Häuser.
Festlich und reich gedeckt sind die Tische.
Warum feiern wir?, fragt das Kind.
Weil wir frei sind, sagen die Eltern am Pessachtisch.
Weil wir frei sind, sagen die Menschen am Ostertisch.
Wer zu feiern, zu leben und zu lieben versteht, der ist bereits gesegnet.
Nur wer nichts zu feiern weiß, lebt noch im Land der Sklaverei.
Wir feiern, weil wir frei sind, und im Feiern werden wir frei.
Die Gläser werden gehoben:
L' chayim - Auf Das Leben
Zum Wohl- Auf die Freiheit
Dank sei Gott für Himmel und Erde, für Brot und Wein.

Glockengeläut über Jerusalem zum Sonnenaufgang. 
Das Grab ist leer.
Auf das Leben und bis nächstes Jahr in Jerusalem. Bis wir uns wieder sehen als freie Menschen.

BCU, 21. April 2019





Donnerstag, 11. April 2019

„Du bist ein Teil der Familie“ – Teil 2: Willkommen in der melkitischen Gemeinde in Beit Sahour

Ein Feld in der Nähe von Bethlehem
Ich bin auf meiner Reise an einem geschichtsträchtigen, aber eher unbekannteren Ort angekommen: Nahe Bethlehem waren die Hirten auf dem Felde und wachten des Nachts, als der Engel Ihnen erschien und große Freude verkündigte: Der Retter sei Ihnen geboren, der Christus. Seit 2000 Jahren ist das Hirtenfeld, oder wie es hier ausgeschildert ist, das Shepherd´s Field, ein Pilgerort und drum herum eine Stadt mit 15 Tausend Bewohnern gewachsen: Beit Sahour (wörtlich übersetzt das Haus des Wachens), etwas eine halbe Stunde zu Fuß von der Stätte entfernt, in der heute Menschen aller Welt der Geburt Jesu Gedenken. 
Hier haben mich Elias Awad und seine Familie gleich zu Beginn meines Studiensemesters herzlich begrüßt, in ihre Familie aufgenommen und mir zwischendurch bei Unternehmungen zur Seite gestanden. So hat Elias Bruder Michelle, der sich als Direktor des Sirajcenters für die Erschließung Palästinas für den alternativen Tourismus engagiert für mich eine Wanderung mit einer Reisegruppe auf dem Masar Ibrahim (Ibrahimsweg) vermittelt, inklusive Übernachtung in einem von einer Frauenbewegung geführten Unterkunft in einem palästinensischen Flüchtlingscamp in Jericho und bei den Beduinen der Sealeavel Community am Toten Meer. 

Meine neue Unterkunft

Nachdem ich bereits zweimal Elias und seine Familie zu einem Abendessen besucht habe, ziehe ich für nun für sechs Tage in das zur Zeit nicht mit einer Reisegruppe belegte zur Gemeinde gehörende Kloster( bzw. ehemaliges Priesterseminar), dass ich mir in dieser Zeit nur mit dem Ortpfarrer teilen werde.
Im Klostergarten sitze ich gerne unterm Olivenbaum
Zur Begrüßung werde ich gleich dreimal innerhalb von 24 Stunden zum Essen eingeladen. Am Samstag zuerst von Elias, am Sonntag nach dem Gottesdienst zum großen Zusammenkommen seiner gesamten Familie bei seinen Eltern und schließlich am Sonntagabend von Abuna Suhail, dem örtlichen Priester und meinem neuen Nachbarn. Die arabische Gastfreundschaft ist sprichwörtlich und das Essen in allen drei Fällen köstlich und reichlich. Vor allem die Gespräche genieße ich. Wieder einmal stelle ich fest, wie nah

bei allen sprachlichen und kulturellen Unterschieden die Lebenswelten sind. Wir tauschen uns aus über unsere Kinder, die Arbeit, das Leben in der Kirchengemeinde hier vor Ort und in Witten sowie die gesellschaftlichen Entwicklungen. Bei aller Unterschiedlichkeit sind die Themen, die Menschen bewegen, doch überall die gleichen. Was für Berufswege sollten die eigenen Kinder heutzutage einschlagen ("natürlich müssen sie ihre Entscheidungen treffen und der Beruf zu ihrer Persönlichkeit passen…")? Wie sehen die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland und Palästina/Israel aus? Was gibt es Neues im Gemeindeleben? Mit dem örtlichen Priester Abuna Suhail spreche ich über unseren jeweiligen Arbeitsalltag und wie er sein Pfarramt ausübt: Er ist seit sechs Jahren Priester der Gemeinde. Als er neu nach Beit Sahour kam, besuchten 30-40 Personen
Männerabend mit Abuna Suhail (2.v.r.)
die Sonntagsgottesdienste. Bei meinem Besuch des Gottesdienstes am Sonntagmorgen waren 120-130 Gläubige anwesend. „Ein schwacher Gottesdienstbesuch“, erklärt er mir, normalerweise kommen mehr. 
Was ist das Geheimnis des Gemeindeerneuerung? „Liebe und Persönliche Begegnung“, meint er. „Im Grunde gehe es immer wieder darum“.
Griech. - kath. melkit. Kirche Beit Sahour
Der den Menschen zugewandte Gemeindepfarrer erzählt mir auch, dass er eine andere Seite habe bzw. hatte. Als junger Mensch rebellierte er gegen Gott und sein Umfeld in seiner jordanischen Heimat. Dann hatte er in einer Nacht am Friedhof des Ortes, dem Treffpunkt der Jugend, wie Paulus ein Gotteserlebnis. Das war der Beginn einer langen Reise. Bevor er im Jahr 2011 Priester der Gemeinde in Beit Sahour wurde, war er 10 Jahre lang als Mönch in einem Kloster. Die Zeit habe er gebraucht, um sein altes Wesen abzulegen und überhaupt fähig zu sein, heute diesen Dienst zu tun. Er ist sehr beliebt im Ort verraten mir zwei Mitglieder der Gemeindeleitung, die beim Abendessen mit uns zusammensitzen. Es kommen heute sogar Menschen zur Gemeinde, die aus anderen Kirchen stammen würden, dort aber keinen Bezug zum Glauben mehr gefunden haben. Vor allem kommt die Jugend wieder. Und die gibt es in Beit Sahour reichlich. 50% der Menschen sind unter 18 Jahre. Nach dem intensiven Auftakt habe ich mich erst mal für den Rest der Woche entschuldigt, um im Kloster endlich einmal Zeit zu haben, meine vielen Eindrücke der letzten Monate zu sortieren und für drei Tage in dieser Passionszeit zu beten und zu fasten. 
Die Ikonostase mit Jesus und den Aposteln

Einziger Programmpunkt am Tag: Der Besuch der abendlichen Passionsandachten in der örtlichen Kirche. Bereits der Sonntagsgottesdienst war beeindruckend für mich als evangelischen Pastor, der eher karge Gottesdienste und Kirchen gewohnt ist: Der Kirchraum ist weihrauchgeschwängert, die Gesänge des christlichen melkitischen Gottesdienstes sind auf Arabisch, die Kirche ist voller Ikonen und Malereien: Jesus und die Apostel einer neben dem anderen auf der das Kirchschiff vom Altarraum trennenden Ikonostase (einer in orthodoxen Kirchenbauten trennenden Wand). Johannes der Täufer mit grimmigen Gesicht. Fremde Heilige. Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Engel. Georg, der Drachentöter und vieles mehr. Während des Gottesdienstes erfolgen zwei Prozessionen durch die Kirche: Zum einen wird das Evangelienbuch feierlich zur Lesung getragen, zum anderen Brot und Wein zum Abendmahl. Beiden gehen ein Kreuzträger, zwei Kerzenträger und zwei Träger mit einer Cherubim- und Seraphinendarstellung voraus. Das Evangelienbuch und die Abendmahlselemente werden beim Vorbeigehen von einigen Gemeindegliedern geküsst.
Passionsandacht in der Melkitischen Kirche
Die orthodoxe Welt ist mir fremd, aber ich bin ja ein offener Mensch und lasse mich gerne auf anderes ein. Besonders beeindruckend finde ich bei den Passionsandachten, dass nicht weniger als zehn Gemeindeglieder bei den Wechselgesängen beteiligt sind. Männer, Frauen und auch ein Kind singen in mir unverständlicher jedoch stimmiger Reihenfolge Gebete, Psalmen, Schuldbekenntnis, Anrufungen zu Maria und den Heiligen sowie die Bitte um eine gute Nacht. Eine Stimme folgt auf die andere, als ob dies seit Jahren einstudiert ist, dabei ist die Vergabe der Gesangsstücke jeden Abend anders. Vor allem die spirituelle Stimmigkeit mit der gesungen und gebetet wird, hat einen Sog: Die Liturgie wird von Herzen gesungen und nicht einfach vom Blatt abgesungen, ist mein Eindruck. Die Passionsandachten werden nach alten Liturgien gefeiert, die Kirchenväter vor 1600 Jahren ersonnen haben. Der Sonntagsgottesdienst folgt in der Regel der Liturgie des Heiligen Johannes Chrysostomos (*349 oder 344 in Antiochia am Orontes; † 14. September 407 in Komana Pontika). Hier hat sich etwas über die Jahrhunderte bewahrt, was es im europäischen Kontext nur noch selten gibt und wird mit Geist und Seele gefüllt.

Die griechisch-katholische Melkitische Kirche ist eine römisch.-katholische Rituskirche mit byzantinischem Ritus in arabischer Sprache. Was das bedeutet? Neben der mir fremden Bilder und Liturgiewelt auch, dass ich beim Sonntagsgottesdienst um 9.00 Uhr  und bei den täglich um 18.00 Uhr stattfindenden Passionsandachten mit Ausnahme von fünf Worten nichts verstehe. Das erste Wort lautet Abuna und bedeutet Vater. Salam erkenne ich als Frieden. Die aus dem hebräischen stammenden Worte Halleluja (Lobe Gott) und Amen (So sei es) verwenden wir auch im evangelischen Gottesdienst. Und dann taucht immer wieder der Gottesname Allah auf. Bereits in Jerusalem war mir dies in den arabischsprachigen Gemeinden immer wieder aufgefallen. Was wir im deutschen Kontext mit dem Islam in Verbindung bringen, ist zuerst einmal nur eine Gottesbezeichnung auf Arabisch, die unabhängig der jeweiligen Religion verwendet wird. Theoretisch wusste ich darum, aber während meines Studienaufenthaltes erlebe ich dies zum ersten Mal in der Praxis. Es hört sich fremd an und ich kann die Assoziation mit dem Ruf des Muezzin noch nicht aus dem Kopf bekommen. Das würde sich sicher mit der Zeit ergeben, aber diese Beobachtung zeigt mir einmal mehr wie geprägt und konditioniert wir Menschen sind, auch in Bezug auf Religion und Tradition. Wir brauchen nur ein Wort zu hören und schon läuft der ganze einprogrammierte Film in unserem Kopf vor unseren Augen ab. Ich fühle mich dabei in dieser Kirche und der Gemeinde nicht fremd, im Gegenteil. Ich fühle mich auch hier heimisch und frage mich, woran das liegt? Andere orthodoxe Kirchen in Jerusalem habe ich mit touristischer Neugier betrachtet, aber nicht den Bezug gewonnen, den ich gleich hier zum Kirchgebäude habe. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich bereits mit dem Ortspriester vor Besuch des Gottesdienstes bekannt und mit Elias Familie, die den Gottesdienst besucht, befreundet bin, geht mir durch den Kopf. Vertrautheit baut eine Brücke. Das ist eine Erkenntnis, die ich ja selbst aus meinem Gemeindeleben kenne. Besucher der Christuskirche in Witten fühlen sich auch dort viel schneller heimisch, wenn Freunde sie in den Gottesdienst mitbringen oder wenn sie einen der Hauptamtlichen kennen. Hier kommt aber noch etwas anderes hinzu, beobachte in mir: Ich mag auch unabhängig von den mir bereits Bekannten die Gottesdienstbesucher dieser Gemeinde. Man nickt sich zu, wenn man den Gottesdienstraum betritt. Lächelt sich sogar an. Im eher großstädtischen Jerusalem ist das anders. Hier in Beit Sahour habe ich den Eindruck, dass die Gemeindeglieder sich untereinander kennen. Elias bestätigt diesen Eindruck. Dadurch, dass viele Gemeindeglieder und ihre Familien seit Jahrhunderten im Ort wohnen, ist die Vertrautheit groß. Auch der Schlag Mensch, der mir hier begegnet, finde ich sehr sympatisch. Die Menschen erinnern mich in vielem an die Atmosphäre im Umgang im Ruhrpott miteinander: Entspannt, ohne Berührungsängste, offen im Kontakt. Ich bin als Fremder hier keine Sensation, sondern bei aller Gastfreundschaft ein Teil der Gottesdienstgemeinschaft. Nach einem Gottesdienst und drei Abendandachten kann ich mich auch immer mehr in die Gesänge und Gebete hineinfallen lassen. Da ich der Sprache und dem Inhalt nicht folgen kann, geschieht dies auf einem anderen Weg, der in gewisser Weise wie eine Meditation ist.

Ich lasse mich darauf ein, bei dem Gang zum Altar zum Ende des Gottesdienste die Mutter-Gottes- mit-dem-Jesuskind-auf-dem-Arm-Ikone, wenn auch nicht zu küssen, so doch mit meinen Fingern zu berühren und die spirituelle Wirkung des Bildes auf mich wirken zu lassen. Es ist ein Moment höchster Konzentration.

Die Tage im Kloster nutze ich intensiv und schreibe an dem Bericht über meinen Studienaufenthalt, genieße die schon sommerlichen Momente im Klostergarten, verfolge die Wahl im nahen Israel und träume manchmal nur in den Tag hinein oder unternehme einen Spaziergang in der ländlichen Gegend, in der schon die Hirten die Natur genießen durften. Beit Sahour verfügt in diesem dicht besiedelten Land an seinen Rändern noch über landschaftlich idyllische Flecken. 

Schulleiterin A. Sawsan Victor Istvan 

(Foto der Schul-Homepage entnommen)
Nach einigen Tagen Rückzug im Kloster freue ich am Abreisetag über die Kinder und Jugendliche der Griechisch-Katholischen Patrichachats-Schule der Melkitischen Kirche, die mir ihre Deutsch und Englischkenntnisse präsentieren. 
In den Kindergarten und in den Schulzweig der 1967 gegründeten Privatschule, die gehen 600 Kinder und Jugendliche. Es möglich eine Schulabschluss entsprechend unseres Abiturs zu machen, der es ermöglicht an einer Universität zu studieren. Die Schulleiterin A. Sawsan Victor Istvan leitet seit sechs Jahren zusammen mit 60 Mitarbeitern die in der Region sehr beliebte Schule. Sie legt großen Wert auf ein gutes Miteinander der Schülerinnen und Schüler und der Mitarbeitenden und das ist für mich bei Gang durch das Schulgebäude sehr zu empfehlen. Die Lernatmosphäre wird entscheidend durch den christlichen gesinnten Umgang miteinander bestimmt. Im Kindergarten wird viel mit Theaterpädagogik gearbeitet, die die Entwicklung der Kinder unterstützen soll. Bereit ab dem Alter von drei Jahren werden die Kinder mit der englischen und später mit der deutschen Sprache vertraut gemacht. Die Schule arbeitet eng mit Schulen und Pädagogen in Lippstadt und Wipperfürth zusammen und hat auch in Zukunft große Pläne. Vieles hängt aber von den Finanzen ab, denn das Schulgeld der Eltern deckt nur 60 % des Bedarfs ab. Für die Renovierung der Schulbibliothek und den Ausbau der Schule um einen weiteren Trakt fehlt zur Zeit das Geld. Falls jemand einen Sponsor kennt, dem kann ich diese Schule sehr empfehlen. Auch deutsche Volontäre, die für eine Zeit die Unterrichtenden gerade beim Deutsch- und Englischunterricht unterstützen, sind herzlich willkommen.
Am Abreisetag treffe ich noch auf Charly, der aus Beit Sahour stammt, und sich für das christliche Werk Open Doors einsetzt, das sich um verfolgte Christen kümmert. Er hat zusammen mit den örtlichen Priestern und engagierten Gemeindegliedern in den letzten Jahren das ökumenische Zusammenleben in der Stadt angekurbelt. Monatlich kommen sie im Gebets- und Gesprächskreis zusammen, um füreinander zu beten und als Christen in der Stadt zusammen zu arbeiten. Beit Sahour ist mit 80 % die Stadt mit dem höchsten christlichen Bevölkerungsanteil in den palästinensischen Gebieten und in der ganzen Region (20% der Bewohner sind muslimisch). Das erleichtert für die Christen einiges, es verpflichtet aber auch zu verantwortlichem Handeln.
Dem wollen Charly und die Menschen hier vor Ort nachkommen, indem sie für ihre Stadt beten. Alles fängt mit Gebet an, sagt er. Es verändert unser Denken und dann unser Handeln. Darüber werden besonders für junge Menschen Angebote wie Seminare und Workshops geschaffen, die sie in ihrer Persönlichkeit fördern sollen. 

Beit Sahour ist eine Stadt, die sich mir von ihrer gastfreundlichen Seite präsentiert. Und es ist eine junge Stadt mit vielen Kindern und Jugendlichen, die ihren Weg in die Gesellschaft und in die Welt suchen. Ich bin beeindruckt davon, wie sehr sich die Kirchen, die Schulen und die Menschen vor Ort dafür einsetzen, dass dies auch unter schwierigen Bedingungen gelingen kann. Immer wieder drehen sich meine Begegnungen um die junge Generation. Etwas abseits liegt Beit Sahour vom großen Trubel in Bethlehem oder Jerusalem gelegen und doch ist es mittendrin bei den wichtigen Fragen dieser Welt und dieser Zeit. 
BCU, 11. April 2019




Gemeinde und Kirche in einer interkulturellen Welt - Reflexion ekklesiologischer Dynamiken im Rahmen eines Studiensemesters in Jerusalem

Gemeinde und Kirche in einer interkulturellen Welt. Reflexion ekklesiologischer Dynamiken im Rahmen eines Studiensemesters in Jerusalem Pfar...