Dienstag, 26. Januar 2021

Gemeinde und Kirche in einer interkulturellen Welt - Reflexion ekklesiologischer Dynamiken im Rahmen eines Studiensemesters in Jerusalem

Gemeinde und Kirche in einer interkulturellen Welt.

Reflexion ekklesiologischer Dynamiken im Rahmen eines Studiensemesters in Jerusalem
Pfarrer Branko-Christian Uhlstein, April 2019

Einleitung und Hintergrund

Das Ruhrgebiet als Schmelztiegel vieler Kulturen ist reich an christlichen Gemeinden und Kirchen. In den letzten Jahrzehnten haben sich neben der Evangelischen Kirche, der Römisch-Katholischen Kirche sowie den klassischen Freikirchen zahlreiche neue Gemeinden anderer Sprache und Herkunft gegründet. Immer wieder und zuletzt verstärkt haben sich auch in die historisch in der Region verorteten Kirchen vermehrt einzelne Menschen mit Migrationshintergrund integriert. An manchen Stellen kam es auch zu Kooperationen. Diese Entwicklung hat nicht erst seit dem Jahr 2015 und der damit verbundenen Ankunft von zahlreichen Flüchtlingen eine neue Dynamik bekommen, sondern hat sich auch schon davor abgezeichnet. Seit dem Jahr 2015 und dem mit diesem Jahre verbundenen Einsatz der Gemeinden und Kirchen für Flüchtlinge, ist die Zahl derjenigen, die in den ansässigen Kirchen persönliche, religiöse und spirituelle Heimat suchen, jedoch deutlich gewachsen.
Auch meine Tätigkeit als Gemeindepfarrer der Ev. Trinitatis-Kirchengemeinde Witten, als Flüchtlingsbeauftragter des Kirchenkreises und im Rahmen einer landeskirchlichen Projektstelle mit der Bezeichnung „Gemeinsam Kirche sein mit Geflüchteten“ (seit Sommer 2017 mit einem Stellenumfang von 25%), die sich genau mit diesen Themenstellungen und Herausforderungen beschäftigt, ist davon betroffen. Im Rahmen dieser Stelle sind nicht nur Kirchenasyle, Begegnungscafés, Glaubenskurse mit Farsi sprachige Menschen oder mehrsprachige und interkulturelle Gottesdienste zu begleiten, sondern vor allem ganz persönlich Menschen anderer Sprache und Herkunft, die ihren Weg zum Glauben und zur evangelischen Kirche suchen.
Vor diesem Hintergrund habe ich mich für ein anstehendes Kontaktstudium bei Studium in Israel e.V. beworben, um im Rahmen eines interkulturellen Umfeldes Fragestellungen in Theorie und Praxis nachzugehen, die sich aus meiner Tätigkeit ergeben. Der Fokus meiner Betrachtung liegt dabei besonders auf der kybernetischen Dimension dieses weiten Feldes.
Wie stellen sich einzelne Gemeinden angesichts der kulturellen Vielfalt in der Region inhaltlich auf? Homogen und auf ihre Identität besinnend oder integrativ sich öffnend? Wie wird die Verbundenheit zwischen den zahlreichen Gemeinden, Kirchen und Einrichtungen organisiert? Eher spontan oder vergleichbar verbindlich wie durch ACKs in vielen deutschen Städten? Welche Formen des gesellschaftlichen Engagements finden sich in einer Gesellschaft, in der Christen eine Minderheit stellen? Welche Inspirationen kann eine interkulturell aufgestellte Region, wie das Ruhrgebiet aus anderen Kontexten aufnehmen bzw. wo sind die Kontexte nicht vergleichbar? Dies waren einige Ausgangsfragen vor meinem Studienaufenthalt.

Zur gewählten Region
Nicht nur Jerusalem, sondern die gesamte Region Israel / Palästina ist in Bezug auf Herkunft der heutigen Bewohner, der Kultur, der Religiosität und der Sprachen vielfältig. 1881, zu Beginn der jüdischen Einwanderung, lebten 457.000 Menschen in dem unter osmanischer Herrschaft stehenden Palästina. 400.000 waren Muslime, 13.000–20.000 Juden und 42.000 meist griechisch-orthodoxe – Christen.1 Die moderne Geschichte schaut in Folge auf mehrere Einwanderungswellen zurück.2 Bereits vor dem zweiten Weltkrieg siedelten sich hunderttausende, vor allem aus Europa stammende Juden, in der Region an, die das Land prägten. In Folge des Israelisch-Arabischen Krieges von 1948 verließen unter Druck verschiedener Agitatoren und der Ereignisse, mit denen sie konfrontiert waren, 700.000 arabische Bewohner das Siedlungsgebiet.
Nach der Staatsgründung Israels im Mai 1948 immigrierten in den 1950-er und 1960-er Jahren viele Juden aus Nordafrika, Irak, Ägypten und Iran nach Israel. „Die Einwanderung veränderte das Land“, beurteilt der israelische Historiker Mosche Zimmermann. Die ehemals von europäischen Einwanderern und Flüchtlingen dominierte Gesellschaft wurde bunter. Seit Mitte der 1960-er Jahre war etwa die Hälfte der israelischen Bevölkerung afro-asiatischer Herkunft. Mit dem Zerfall der UdSSR zogen dann alleine zwischen 1989 und 1995 etwa 600.000 Einwanderer aus der Sowjetunion bzw. GUS nach Israel. Sie brachten ihre eigene Kultur und auch Sprache mit und pflegen sie weiterhin. In jüngerer Zeit sind vor allem die legale Aliyah äthiopischer Juden zu nennen sowie eine größere Zahl von Flüchtlingen aus Eritrea, deren Aufenthalt und Anerkennung aktuell noch nicht geregelt ist. Auf dem Gebiet Israels leben laut offiziellen Angaben der israelischen Behörden (Stand 12/2018) 6,5 Millionen jüdische und 1,8 Mio arabische Israelis (zumeist muslimischen Glaubens). Als größte Minderheit in Israel sind 120.000 Drusen zu nennen, die durch ihre Politik der Loyalität gegenüber dem Staat eine Sonderrolle unter den Minderheiten einnehmen. In den palästinensischen Autonomiegebieten leben schätzungsweise 4,8 Millionen Palästinenser. Christen bilden mit Schätzungsweise 1 – max. 2 % eine Minderheit im Gesamtgefüge Israel / Palästina.
Mit dem Nationalstaatsgesetz aus dem Jahr 2018 wurde seitens der israelischen Regierung Israel als jüdischer Staat definiert und z.B. Arabisch als offizielle Amtssprache abgeschafft. Dieses Gesetz führte zu erheblicher Kritik unter den als Minderheit geltenden Bürgern. Gleichwohl ist jedem Bürger Israels volles Bürgerrecht garantiert. Für die palästinensischen Gebiete ergibt sich eine komplizierte Staffelung von Rechten, die auf das Abkommen von Oslo zurückgeht. Der Staat Palästina ist seit dem Jahr 2013 mehrheitlich von den UN-Staaten im Gaststatus anerkannt. Vor Ort ergibt sich ein komplizierteres Bild. Rund um die Wahl rücken die meisten israelischen Parteien, wenn sie überhaupt auf die Pälästinafrage eingehen, von einer Zweistaatenlösung ab und/oder sprechen sich für die Annektierung zumindest der C-Gebiete aus.
Der Gazastreifen ist weitgehend von muslimischen Palästinensern bewohnt. Die in der Westbank lebende Bevölkerung ist bis auf die jüdischen Siedlungen, die sich dort in den letzten Jahrzehnten gebildet haben, mehrheitlich arabisch geprägt. Der Bevölkerungsschwerpunkt für Christen liegt im Süden des Landes bei Bethlehem. Die eigenständige Stadt Beit Sahour kommt mit ihren 15.000 Einwohnern z.B. auf einem christlichen Bevölkerungsanteil von 80%. Insgesamt macht der Anteil der Christen in der Bevölkerung der Westbank nicht einmal 2% aus.
In Bezug auf die Religion wird in Israel das orthodoxe Judentum offiziell vom Staat anerkannt und unterstützt. Rabbinen regeln so z.B. Eheschließung und Scheidung. Die Lehrenden und Studierenden an den zahlreichen Thoraschulen werden finanziell unterstützt. Gesprächspartner aus reformierten und konservativen Synagogengemeinschaften sehen sich dadurch benachteiligt.
Nicht alle jüdischen Israelis bezeichnen sich laut Umfragen als religiös, vielleicht sogar nur die Hälfte, schätzt Oded Peles, einer meiner Gesprächspartner. Nach seiner Einschätzung feiern aber über 90 % das Pessachfest und fühlen sich der jüdischen Tradition und Geschichte unter einem nationalen und völkischen Aspekt verbunden. Jerusalem, wie auch Israel, ist – viel mehr als z.B. die palästinensischen Gebiete – ein Schmelztiegel der nationalen und kulturellen Hintergründe. Aber auch die muslimischen und die christlichen Welten sind nicht einheitlich in Bezug auf die Religiosität, Spiritualität und Konfessionalität.

Gemeindeleben in Jerusalem
Gemeinde und Kirche in einer interkulturellen Gesellschaft, diesem Thema spürte ich nach, indem ich mir zum einen das Zusammenspiel der Kirchengemeinschaften in der Jerusalemer Altstadt im Allgemeinen anschaute und zum anderen einzelne Gemeinden, wie die Ev.-Luth. Church of the Redeemer / Ev. Erlöserkirche, die Melkitische Kirche, hier insbesondere die Ortsgemeinden in Beit Sahour bei Bethlehem und die Jerusalemer Gemeinde besuchte. Darüber hinaus habe ich im Bereich der jüdischen Synagogengemeinschaften die reformierte Synagoge Har-El und die konservativ-progressive Synagogengemeinschaft Kehilat Zion unter die Lupe genommen.
Besuche bei Projekten vor Ort und im ganzen Land rundeten das Bild ab. An dieser Stelle seien vor dem Hintergrund des Themas nur folgende zu nennen:
 Ein Aufenthalt im christlichen Dorfprojekt Nes Ammim und Gespräch mit Pfarrehepaar Katja und Tobias Kriener.
 Besuch des Friedensprojektes Tent of Nations der lutherischen Farmerfamilie Nasser, die bei Beit Jala umgeben von vier Siedlungen und einer neu gebauten Jeschiva-Schule eine Farm betreibt.
 Besuch bei der sich für Menschen mit Behinderung einsetzenden Einrichtung Livegate in Beit Jala, die seit 30 Jahren von einem Mitarbeiter des CVJM geleitet wird.
 Besuch der Schule Talitha Kumi in Beit Jala, an der christliche und muslimische arabische Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Gespräch mit Schulleiter Matthias Wolf.
 Besuch des Friedensdorfes Newe Schalom / Wahat al Salam als Ort der programmatischen Einheit, in dem jüdische und palästinensische Bewohner zusammenleben, -arbeiten und lernen (in einer Schule und durch ein versiertes Bildungsprogramm).
 Als klösterliche Gemeinschaft besuchte ich z.B. die Zweigstelle der aus Deutschland stammenden Jesusbruderschaft in Latrun und die Gemeinschaft der Seligpreisungen in Emmaus Nicapolis.
Insbesondere betrachtete ich folgende Projekte unter dem Fokus des gestellten Themas:
 Die Jerusalemer Gebetswoche für die Einheit der Christen als gelebte spirituelle Einheit
 Die Grabeskirche als Ort der Vielfalt und der strukturellen Einheit
 Das Projekt Tent of Nation als interkulturelles Friedensprojekt in einem mehrheitlich jüdischen Siedlungsumfeld
 Die Schule Talitha Kumi als glaubensübergreifende Schule, an der muslimische und christliche Araber gemeinsam ihren Schulabschluss in zwei Abiturzweigen und mehreren Ausbildungsberufen absolvieren können
Die im Folgenden zusammengetragenen Beobachtungen und Gedanken sind auf Grundlage dieser Begegnungen entstanden. Sie haben nicht den Anspruch, wissenschaftlich fundiert evaluiert zu sein. Die einzelnen Konfessionsfamilien – Zuerst die Identität dann die Vielfalt
Wenn ich im Folgenden über die Konfessionsfamilien schreibe, so nehme ich zur besseren Übersicht eine Einteilung in die Rubriken Weltkirche, National-/Volkskirche und Profilkirchen-/gemeinden vor. Die Übergänge sind fließend, so finden sich auch unter dem Dach einer Weltkirche Profilgemeinden.
Christlichen Gemeinden und Werke der Weltkirchen, zu denen ich z.B. die weltumspannende römisch-katholische Kirche, die anglikanischen Kirchen und in Abstufung bereits die lutherischen Kirchen zähle (anglikanische, schwedische, arabische und deutsche Lutheraner sind zwar unter einem Dach in Jerusalem verbunden, aber strukturell sehr eigenständig), zeichnen sich in Jerusalem in ihrem gottesdienstlichen und liturgischen Wirken durch eine große Treue der eigenen Tradition gegenüber aus. Dies ist sicher dem Ort und seiner symbolhaften Bedeutung, sowie der Repräsentationsaufgaben der einzelnen Kirchen geschuldet und angemessen. Es liegt nahe, dass gerade hier das jeweils Typische gelebt wird und viel Wert auf die Form gelegt wird. Neben der Treue der eigenen liturgischen Tradition gegenüber ist in diesen Konfessionsfamilien eine internationale Zusammensetzung und Selbstverständlichkeit zu beobachten. Was verbindet, sind die Traditionen und die Theologie bzw. die Spiritualität. Unter dem Dach der röm.-kath. Kirche bzw. des lateinischen Patriachats findet sich eine Ausdifferenzierung in verschiedene Formen in zahlreichen Gemeinden und Klostergemeinschaften,
seien es die Benediktiner der Dormitio, die Franziskaner an der Grabeskirche oder die hebräisch-sprachige Gemeinde.
Anders sieht es in den National-/Volkskirchen aus, zu denen ich beispielsweise die griechisch-orthodoxe, die syrisch-orthodoxe, die koptische, die äthiopische oder die armenische Kirche zähle, die auf gemeinsame ethnische Traditionen zurückgehen. Die Melkitische Kirche ist zugleich eine National-bzw. Volkskirche als auch Teil einer Weltkirche, weil sie seit 300 Jahren als Rituskirche zur römisch-katholischen Kirche gehört und sich gleichzeitig in der Regel aus arabischsprachigen Christen aus den palästinensischen Gebieten, Jordanien und dem Libanon zusammensetzt. Deshalb behandele ich sie hier unter der Rubrik der National-Volkskirchen.
Zahlreiche unabhängige Gemeinden, wie die Baptisten oder die jüdisch-messianisch bezeichnende Gemeinschaft, die sich in der anglikanischen Christchurch trifft, verdeutlichen die Vielfalt christlichen Lebens in Jerusalem. Diese Gemeinden zeichnen sich durch die Betonung spezieller Themen und Theologien aus, so dass ich sie als Profilkirchen bzw. Profilgemeinden bezeichne. Zu den Gemeinden und Kirchen gesellen sich diverse diakonische und seelsorgliche Institutionen, Einrichtungen bzw. Projekte, die jedoch nicht flächendeckend, wie die Diakonie oder die Caritas arbeiten.
Durch Besuche und Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort habe ich zwei christliche Gemeinschaften und eine Synagogengemeinschaft näher kennen lernen können, die ich exemplarisch für die drei verschieden Systeme kurz skizziere: Die Ev.-Luth. Erlöserkirche als Teil der weltumspannenden Lutherischen Konfessionsfamilie, die Griech.-kath. Melkitische Gemeinden in Jerusalem und Beit Sahour als Kirche der arabischen Bevölkerung sowie die jüdische Synagogengemeinschaft Kehilat Zion, als freie Profilgemeinde. Die Ev. Erlöserkirche / Church of the Redeemer3 … repräsentiert seit ihrer Gründung im Jahr 1882 durch Kaiser Wilhelm die evangelische Christenheit im Heilige Land. Die EKD-Auslandsgemeinde ist gut vernetzt mit Deutschen Werken wie dem Deutschen Archäologischen Institut, dem Studienprogramm Studium in Israel, dem Johanniterhospiz in der Jerusalemer Altstadt oder der Jesus-Gemeinschaft in Latrun.
Neben dem Standort in unmittelbarer Nähe zur Grabeskirche liegen weitere Schwerpunkte in der Begleitung von Touristen am Standort Himmelfahrtskirche Auguste Viktoria und im Gästehaus des Probstes in der Jerusalemer Altstadt. Auch die Deutsche Gemeinde in Amman wird vom Pfarrteam gottesdienstlich versorgt. In den Räumlichkeiten der Erlöserkirche feiern auch die arabisch-sprachige lutherische Gemeinde und die englischsprachige lutherische Gemeinde sowie eine schwedisch-lutherische Gemeinde ihre Gottesdienste. Gemeinsam werden z.B. in der Karwoche zu Palmsonntag Gottesdienste gefeiert oder Prozessionen unternommen. Auch die Büros der arabisch- und englischsprachigen Gemeinden genießen Gastrecht bei ihrer deutschen Schwesternkirche.
Das gottesdienstliche Leben der kleinen einhundert Personen umfassenden deutschsprachigen EKD- Gemeinde ist z.B. mit wöchentlichem Chor, Gemeindeabenden und After-Work-Abenden rege. Die Gottesdienste werden gerne auch von Pilgergruppen besucht, die herzlich begrüßt werden. Dies kennzeichnet auch bereits eine Hauptaufgabe der Ev. Erlöserkirche neben dem Gemeindeleben für die in Israel lebenden deutschsprachigen Christen. Die Gemeinde dient deutschsprachigen Pilgern als Anlaufstelle. Durch flache Hierarchien und auf Gemeinschaft abzielende Gemeindeangebote kommt man schnell in Kontakt mit den vor Ort lebenden Mitarbeitenden und Gemeindegliedern, die auch Menschen, die nur für kurze Zeit in Jerusalem leben, eine familiäre Beheimatung bieten. Hier ermöglicht eine kleine engagierte und gastfreundschaftliche Kerngemeinde anderen das Erlebnis einer „Gemeinde im Vorübergehen“ bzw. das Erleben einer „Gemeinde als Herberge“4. Der Ev. Probst ist der Repräsentant derevangelischen Christenheit und somit ein wichtiger Brückenbauer zur Ökumene in der Stadt. Durch diese besondere Aufgabe als Stadt- und Pilgerkirche und durch die repräsentativen Aufgaben scheint die Jerusalemer Erlöserkirche schwer vergleichbar mit anderen Stadtgemeinden. Dennoch sehe ich besonders an einer Stelle exemplarisch ein Vorbild für andere Gemeinden. Gemeinsam unter einem Dach leben hier nämlich vier lutherische Gemeinden mit je eigenem Profil, die an besonderen Festtagen ihre Zusammengehörigkeit vielsprachig feiern. Dies scheint mir trotz der konfessionellen Verwandtschaft bemerkenswert. Gemeinsam unter einem Dach bedeutet hier ein vierfach aufgefächertes, lutherisches Gemeindeleben, das an einem Standort Möglichkeiten für die eigene (Sprach)Identität ermöglicht und zeitgleich verbindend wirkt. Auch zu römisch-katholischen Gemeinden und Gemeinschaften, insbesondere zur Dormitio, werden enge Kontakte und Kooperationen gepflegt. Gemeinsame Studienprogramme und die Zusammenarbeit beim Volontärprogramm sind hier Ausdruck einer lebhaften deutschen Ökumene.
Die griechisch-katholische Melkitische Kirche5 … interessierte mich besonders als röm.-katholische Rituskirche, die ihre Gottesdienste in der Tradition des byzantinischen Ritus und in arabischer Sprache feiert, unter kybernetischen Gesichtspunkten.
Zu den beiden besuchten Gemeinden in Jerusalem und Beit Sahour ist zuerst einmal zu sagen, dass sie vom Gemeindeleben sehr geschlossene und stimmige Gebilde sind. Das betrifft sowohl die Gemeindeglieder, die arabischsprachige Christen sind, deren Herkunft in vielen Fällen seit Jahrhunderten in der Region verwurzelt ist, als auch die Liturgien, die auf die byzantinische Zeit (3-6 Jahrhundert zurückgehen). In der Regel wird in der Sonntagsmesse die Liturgie des Heiligen Johannes Chrysostomos gefeiert. In der Passions- und Osterzeit habe ich aber auch andere Liturgien kennen lernen können. Bemerkenswert ist die hohe Beteiligung von Gemeindegliedern an der Gottesdienstdienstgestaltung und an den Passionsandachten. Nicht selten waren zehn Sängerinnen und Sänger an den Wechselgesängen beteiligt. Die Singpassagen wurden dabei von den jeweiligen Diakonen der Gemeinden spontan an Anwesende erfahrende Gemeindeglieder zugeteilt. Bei den Prozessionen vor der Evangelienlesung und der Eucharistie waren Kinder und Jugendliche als Messdiener beteiligt. Diese trugen Kerzen, Kreuze, Cherubim und Seraphimsymbole und gingen dem Evangelienbuch, einer Ikone oder Brot und Wein in Begleitung in der Regel von reichlich Weihrauch voraus. In keiner Kirche habe ich so eine große Anzahl an ehrenamtlich Beteiligten erlebt.
Dies gilt insbesondere für den Standtort Beit Sahour, dessen Gemeindearbeit seit 2013 durch einen Priester verantwortet wird, der den Schwerpunkt auf Kinder-, Jugend- und Familienarbeit gelegt hat. Unter dem Dach der melkitischen Kirche versammeln sich seit Jahrhunderten diejenigen Christen, die von der liturgischen Form den byzantinischen Ritus feiern und von der Sprache her Arabische sprechen. Es waren um das Jahr 1724 herum wohl politische Gründe, die die zuvor unabhängige Kirche bewog, sich unter das Dach der katholischen Kirche zu begeben.
Auch wenn in grundsätzlichen Lehren wie dem Trinitätsverständnis und dem Sakramentsverständnis zwischen den beiden Partnern Einigkeit besteht, so ist doch die liturgische Entfaltung (z.B. bei den litaneimäßigen Gesängen) weit voneinander entfernt. Dennoch ist es möglich, dass beide Identitäten unter einem Dach existieren und die melkitische Kirche sich dem Papst in Rom unterstellt hat. Die Vereinbarungen gewähren weitgehende Autonomie, so dass die Kirche vor Ort über Gestaltungsspielräume verfügt, die sich so unter dem lateinischem Patriachat nicht ergeben würden. Bischöfe werden so aus den Reihen der melkitischen Kirche vorgeschlagen und durch den Papst bestätigt.
Unter kybernetischen Fragestellungen sind solche Formen vielleicht auch für die Ev. Kirchen eine interessante Gestalt sein, nämlich dort, wo sich entstandene Gemeinden anderer Sprache, Herkunft oder Kultur unter dem Dach der Landeskirchen begeben wollen. Einzelne zögerliche Ansätze gibt es dazu bereits auch in der westfälischen Kirche (z.B. die Creative Kirche Gemeinde in Witten), meist beschränkt sich der Kontakt aber auf die Ebenen der Koexistenz oder Kooperation.
Der Integration scheint die Frage nach der Kompatibilität unter theologischen und liturgischen Gesichtspunkten genauso im Wege zu stehen wie der für die westlichen Kirchen wichtigen Strukturfragen z.B. in Bezug auf Fragen des Personals (Qualitätssicherung durch Standards in der Ausbildung der Hauptamtlichen, die Frage nach Laienordination, Prädikantenausbildung, etc…).
Jüdisches Gemeindeleben in Jerusalem Eine vergleichbare Vielfalt der christlichen Denominationen findet sich m.E. in der jüdischen Synagogenwelt. Die staatlich anerkannten orthodoxen Synagogengemeinschaften nehmen dabei eine besondere Stellung ein. Sie und die Lehrenden und Lernende der zahlreichen Thoraschulen werden seitens des Staates Israel finanziell unterstützt und sind in die Strukturen dermaßen eingebunden, dass nur orthodoxe Rabbinen Ehen schließen und scheiden dürfen. Schüler der Thoraschulen sind vom Militärdienst befreit.
Daneben existieren konservative und reformierte Synagogengemeinschaften, die sich selbst organisieren und finanzieren. Einzelne Institute wie z.B. das Hebrew Union Collegue oder das Schechter Institute for Jewish Studies übernehmen die Rabininnen- und Rabbinenausbildung.
In reformierten Synagogengemeinschaften gilt die Gleichberechtigung von Mann und Frau, das heißt, es gibt Rabbinerinnen, keine separaten Bereiche im Gottesdienstraum für Männer und Frauen und Frauen werden wie Männer am gottesdienstlichem Leben beteiligt. Die selbstständigen Gemeinden zeichnen sich durch ein teilweise sehr hohes Maß an ehramtlichem Engagement und Verantwortlichkeit aus.
Die Synagogengemeinschaft Kehilat Zion und die Spiritualiät der gelebten Begegnung Eine Synagoge sticht dabei durch eine besonders weiten Ansatz aus. Die Kehilat Zion6, die sich selbst als konservativ-reformiert bezeichnet. Diese erst im Jahr 2013 gegründete Synagogengemeinschaft hat den Anspruch „Welten zu verbinden“. Mit Slogans wie „Come as you are“ und „Worlds can be bridged“ laden sie Menschen aller Herkunft und Religion ein, den Synagogengottesdienst mit zu feiern. Dieser ist ein mit persönlicher Spiritualität gefüllter Gottesdienst, der musikalisch sephardische und aschkenasiche jüdische Traditionen verbindet. Interreligiöse Kontakte werden intensiv gepflegt. Die Synagogengemeinschaft ist einem konservativ-reformierten Synagogenverbund angeschlossen. Zugleich sieht sie sich als progressiv in ihrer Ausrichtung. Neben dem gottesdienstlichen Leben werden soziale Projekte wie eine Kleiderkammer betrieben und der Kontakt zu einem nahen Altersheim gepflegt, wohin zwei Mal im Jahr die Synagogengottesdienste verlegt werden.
Obwohl Menschen aller Glaubensrichtungen herzlich willkommen sind, ist es doch keine Mischform, die sich hier ergibt. Die Identität der Kehilat Zion nährt sich durch eine authentische Interpretation des Judentums in neuen und alten Liedern, die die Texte der Thora bzw. des Tanach neu interpretieren. Die Rabbinerin der Gemeinde, Rabbi Tamar Elad Appelbaum, gibt die chassidische Tradition als eine der Insprirationsquelle für die Lebendigkeit und Offenheit der Gemeinde an. Zugleich sieht sie sich im schöpfungstheologischen Kontext mit den Menschen weltweit und allen Glaubensrichtungen verbunden und insbesondere mit Christen und Muslimen als Nachfahren Abrahams. Es war eine besondere Ehre für mich und einen weiteren Pfarrer im Kontaktstudium, vor der Synagogengemeinde an einem Shabbatabend über unseren christlichen Glauben sprechen zu können.
Zur DNA der Gemeinde gehört die Erkenntnis, dass nur über persönlichen Kontakt wirkliche Begegnung geschehen kann7. Dies drückt sich in einer ausgeprägten Kultur der Gastfreundschaft und des Dialoges aus. Für mich persönlich führte dies zu häufigen Einladungen an Shabbatabenden, zu verschiedenen Kaffeetrinken und zur Teilnahme am Sederabend während des Pessach.
Von den drei exemplarisch dargestellten Gemeinden ist die Kehilat Zion diejenige, die ich als interkulturellste in Jerusalem erlebt habe. Hier werden am weitesten Welten verbunden, sowohl innerjüdisch die sephardische mit der aschkenasischen, als auch andere Glaubensfamilien in einer Spiritualität der zwischenmenschlichen Begegnung. Auch in der Kehilat Zion ist es möglich temporär mit zu leben. Anders als in der Ev. Erlöserkirche sind es hier aber weniger Touristen und Besucher, sondern Jerusalemer Nachbarn oder Interessierte aus verschiedenen religiösen oder kulturellen Kontexten, die die Nähe zur Synagogengemeinschaft suchen. Die Kehilat Zion ist als Synagogengemeinschaft das, was im europäischen Kontext üblicherweise Profilgemeinde oder in der anglikanischen Kirche eine fresh expression of church genannt wird.
In Abgrenzung zur zwar gastfreundlichen aber eher auf Komm-Strukturen ausgerichteten Kehilat Har-El, gehen die Mitwirkenden der Kehilat Zion auch aktiv hinaus in den Stadtteil.
Ökumene nimmt Gestalt an, wo man miteinander redet und feiert
Das Leben der christlichen Gemeinden und Kirchen in Jerusalem ist vielfältig. Von traditionsreichen armenischen und griechisch-orthodoxen Gottesdiensten bis hin zu denen der Ev.-Lutherischen Gemeinden, die „erst“ seit rund einhundertfünfzig Jahren in der Altstadt vertreten sind, gibt es eine Vielfalt an Gemeinde- und Gottesdienstlichen Leben, das seines gleichen sucht. An keinem Ort der Welt kommen sich die Glaubensfamilien näher. Allein auf dem kleinen, einen Quadratkilometer großen Gelände der Altstadt Jerusalems befinden sich 155 Kirchen. Das Gebäude der Grabeskirche teilen sich sechs Denominationen.
Nach meiner Beobachtung existieren viele dieser Kirchen die meiste Zeit des Jahres in friedlicher Koexistenz nebeneinander her, wobei im Grunde zumindest eine Grundakzeptanz gegenüber den Glaubensgeschwistern herrscht. Etwas heraus fällt bei dieser Tendenzaussage nach Berichten von ökumenischen Akteuren in der Stadt die griechisch-orthodoxe Kirche, die sich zwar z.B. an der Gebetswoche der Einheit der Kirchen beteiligt, sich aber auch durch eine bewusste oder nicht bewusste Distanzierung von anderen Glaubensfamilien abgrenzt. So wird die Liturgie z.B. während der Gebetswoche für die Einheit der Christen in der Gegenwart der anders Konfessionsfamilien gefeiert. Zu einer wirklichen Partizipation kommt es aus Perspektive armenischer und evangelischer Gesprächspartner nicht. Aber auch hier scheinen zumindest in einzelnen Ortgemeinden wie im nahen Beit Sahour vorsichtig Brücken gebaut zu werden: Der lokale griechisch-orthodoxe Priester muss sich zwar noch die Erlaubnis im Patriarchat abholen, mit einer Lesung beim ökumenischen Gottesdienst mitzuwirken, diese wird ihm aber in der Regel erteilt. Erwähnen möchte ich an dieser Stelle auch eine festzustellende Reserviertheit von Gesprächspartner gegenüber messianischen jüdischen Gemeinden, insbesondere, wenn diese eine aktive Missionstätigkeit unter Juden verfolgen.
Alle Welt schaut nach Jerusalem. Die Vertreter sind sich dessen bewusst und haben Formen geschaffen, ihre Verbundenheit auch über offizielle Empfänge zum Neujahr beim griechischen oder armenischen Patriarchen zu pflegen. Dass die seit 40 Jahren bestehende Gebetswoche für die Einheit der Kirchen mit Beteiligung der griechisch-orthodoxen, der armenisch-orthodoxen, der koptischen, der äthiopischen, der röm.-katholischen in Form der Benediktiner der Dormitio, der anglikanischen und der vier evangelisch-lutherischen Kirchen jedoch vom „Freundeskreis der Ökumene“, einem inoffiziellen Treffpunkt, der von Pater Franz, einem weißen Vater, zusammengehalten wird, spricht Bände. Dem Ergebnis tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil scheint hier in den an die Gottesdienste anschließenden Empfängen viel Herzlichkeit und Miteinander stattzufinden. Eine enge Zusammenarbeit konnte ich auch zwischen der deutschsprachigen Ev. Erlöserkirche und der röm.-kath. Dormitio beobachten, nicht zuletzt durch die Kooperation bei den jeweiligen Studienprogrammen oder im Volontärsprogramm.
Insgesamt habe ich den Eindruck, dass in vielen Städten in Deutschland viel selbstverständlicher Ökumene gelebt und zusammengearbeitet wird als in Jerusalem.

Interreligiöser Dialog
Begegnungen zwischen den Religionsgemeinschaften – so sie denn stattfinden – leben stark vom Interesse der Basis und einzelnen Akteuren, denn durch Würdeträger oder Einrichtungen. Jüdisch-christliche Gesprächskreise gibt es ebenso wie Begegnungen zwischen theologischen Ausbildungsprogrammen. Interreligiöse Gebete gibt es nach meiner Kenntnis nicht auf offizieller Ebene, jedoch durch Basisinitiativen. So habe ich einen monatlich stattfindenden interreligiösen Gebetsspaziergang, diesmal vom Jaffator zum Davidsgrab, miterlebt, der von jüdischen, christlichen und islamischen Gläubigen organisiert wurde. Diese und andere Initiativen scheinen aber eher auf privates Engagement zurück zu führen sein.
Diakonisches, gesellschaftliches und politisches Engagement In allen drei dargestellten Gemeinde gibt es eine der Diakoniekasse vergleichbaren Struktur, die direkte und unbürokratische Hilfe ermöglicht. Die Kehilat Zion ergänzt dieses Engagement durch eine Kleiderstube. Die Ev. Erlöserkirche spendet z.B. den Erlös eines Basars und in der Melkitischen Kirche wird im Einzelfall diakonisch unterstützt.
Auch seelsorgliche Arbeit an den Kranken und Armen wird intensiv betrieben.
Die politischen Gespräche in den Gemeinden waren im Frühjahr 2019 durch den Israel-Palästina Konflikt, die Wahlen in Israel und die Frage nach einer Rentenversicherung in Palästina geprägt.
In den beiden christlichen Gemeinden wurde in der Öffentlichkeit sehr zurückhaltend und diplomatisch über diese Themen gesprochen. In der Synagogengemeinschaft, war die Wahl auch in Predigt und Gebet ein wichtiges Thema. Hier wurde sogar zu einer Demonstration vor dem Amtssitz des amtierenden Premierministers aufgerufen.

Zusammenfassung und Fazit
Kann man von einem dreimonatigen Aufenthalt in Jerusalem bzw. in Israel Palästina etwas für die Entwicklung der christlichen Gemeinden in einem multikulturellen Deutschland lernen? Auf dem ersten strukturellen Blick vielleicht nicht. Zu sehr scheint der Ausnahmezustand der christlichen Gemeinden als Minderheit in einem mehrheitlich jüdisch bzw. muslimischen Land und die Ausnahmestellung der Gemeinden an der historisch und religiös besonderen Stelle des Heiligen Landes von der Situation in Deutschland abzuweichen. Zu sehr scheinen sich die Gemeinden mit ihren Aufgaben als Pilgerorte und die Projekte als Leuchtturmprojekte für friedliche Zusammenarbeit zu unterscheiden. Zu unterschiedlich scheint die Vielfalt der Konfessionsfamilien gegenüber der Kirchenlandschaft in Deutschland, die von den Zahlen her von den beiden Volkskirchen geprägt wird.
Dennoch: Was ist in Bezug auf die Ausgangsfragen nennenswert, wenn ich vergleichend einen Blick auf die drei besonders intensiv besuchten Gemeinschaften werfe? Das was auch für Deutschland gilt:
 Eine Gemeinde / ein christliches Projekt braucht einen Identitätskern, der z.B. in der gemeinsamen Herkunft, einer gemeinsamen Kultur oder Sprache, einer Aufgabe/Beauftragung/“Mission“, einer gemeinsamen Spiritualität oder Theologie bestehen kann. Ohne einen Identitätskern kann eine Verbindung von Menschen nicht wirklich gelingen. Ist er vorhanden und tragfähig, spielen andere Faktoren wie Herkunft oder gesellschaftliche Unterschiede keine Rolle. Jegliches ekklesiologisches Homogeniätsprinzip wird außer Kraft gesetzt, wenn sich Menschen um einen tragfähigen Identitätskern vereinigen.
 Gemeinde und Kirche braucht Menschen, die für diesen Kern stehen und ihn vermitteln können. Das ist umso wichtiger je weniger Traditionen oder Strukturen vorhanden sind, die an der Stelle von Menschen Zusammenhalt bieten können.
 Förderlich für die Identifikation sind Beteiligungsstrukturen. Sie scheinen ein Schlüssel für ein blühendes Gemeindeleben zu sein.
 Gemeinde braucht lebendige Gottesdiensttraditionen. Dabei ist der Ausgestaltung der Liturgie keine Grenzen gesetzt: Für manche Menschen ist es der Reiz in jahrtausendalten Traditionen beheimatet zu sein, für andere ist die Neukomposition der Tradition wichtig.
 Gemeindeleben wird lebendig durch persönliche Begegnungen und eine Kultur der Gastfreundschaft.
 Jede einzelne Gemeinde ist in einem ökumenischen Kontext eingebunden. Je nach Berufung einer Gemeinde kann dieser unterschiedlich interpretiert werden. Die Kirchen repräsentieren in ihrer Vielfalt den Schöpfungsreichtum und die Vielfalt Gottes. Ökumene gelingt dort, wo Menschen sich dafür einsetzen.
 Gemeinden und Kirchen brauchen einen vereinbarten Status quo, gerade dort wo es Meinungsverschiedenheiten gibt.
 Vielfalt in Theologie und Spiritualität ist kein Hindernis für gelebte Einheit.
 Alle Gemeinden sind gesellschaftlich und politisch gefragt. In den christlichen Gemeinden ist eine besondere Behutsamkeit bei politischen Fragen zu erkennen. Hier scheint die Synagogengemeinschaft sich direkter und progressiver zu verorten.
Während ich diese Gedanken aufschreibe, realisiere ich, dass sich die Gemeinde- und Kirchenlandschaft in Jerusalem sich gar nicht so sehr von der in Deutschland unterscheidet. Gemeinden und Kirchen sind einfach zuerst einmal Sozialformen, die mit Leben gefüllt werden können. Der Unterschied liegt vielleicht darin, dass es in Jerusalem eine solche Vielfalt von Gemeinden gibt, dass für sehr viele Kontexte Angebote vorgehalten werden, sei es unter einem Dach in den Weltkirchen oder nebeneinander in den National- bzw. Volkskirchen sowie den freien Profilgemeinschaften. Der Verkündigung des Evangeliums kann es dabei sicher gleich sein, welche Organisationsstruktur die jeweiligen Gemeinschaften haben.
Für die Ev. Kirche von Westfalen oder auch andere Gliedkirchen der EKD stellt sich die Frage, wie ihre Gemeinden in Zukunft angesichts einer multikulturen Gesellschaft aufgebaut sein sollen. So wird auch in meinem gemeindlichen und kreiskirchlichen Kontext immer wieder die Frage aufgeworfen: Was ist der Markenkern evangelischer Kultur bzw. gibt es diesen? Schnell kann man durch die Besinnung auf die eigene Identität andere ausgrenzen. Das gilt nicht nur für Menschen mit Migrationshintergrund (Zitat aus meiner Gemeinde: „Es werden zu viele englische Lieder gesungen“), sondern auch für die Jugendkultur oder andere Lebenskulturen. Gleichwohl gilt es, bewährte Traditionen zu respektieren.
Soziologisch betrachtet benötigt es homogene Strukturen in der Basis, um Menschen Beheimatung in ihrer Kultur zu ermöglichen. Wie sich dann die homogenen Gemeinschaften miteinander verbinden, sei es strukturell unter dem Dach einer Weltkirche oder durch persönliche Kontakte und flexible Strukturen in einer Profilkirche ist meiner Meinung nach sekundär, in Jerusalem wie in Deutschland. Lebendige und progressive Bewegungen wie die Synagogengemeinschaft Kehilat Zion brauchen keine Dachverbände und haben dennoch eine gesellschaftliche Tiefenwirkung.
Vieles würde aber dafürsprechen, nicht nur Menschen anderer Sprache und Herkunft in die Gemeinde- und Kirchenstrukturen zu integrieren, sondern auch bei weitgehender Selbstständigkeit ganze Gottesdienstgemeinschaften, Ordensgemeinschaften oder gar Gemeinden wie es die römisch-katholische Kirche praktiziert. Wie weit die Denk- und Handelsmöglichkeiten einer evangelischen Landeskirche sind, um auch andere Spiritualität und Theologien unter einem Dach zu verbinden und kybernetische Konsequenzen aus der Erfahrung anderer Kirchen wie z.B. der römisch-katholischen zu ziehen, wäre sicher unter kybernetischen Gesichtspunkten ein interessantes Diskussionsthema.
Über den kybernetisch-strukturellen Aspekt hinaus finden sich besonders in der jüdischen Tradition hilfreiche Inspirationen für das Zusammenleben: So ist es ein Urgedanke jüdischer Theologie, dass Zusammenleben geregelt sein muss. In den Mizvot der Thora drückt sich dieser Gedanke aus. Dabei ist es eine interessante Beobachtung, dass das Wort Mizvot, das in der Regel mit „Gesetze“ übersetzt wird, gleichzeitig auch etymologisch „Gemeinsam“ bedeuten kann. Die Bedeutung des Wortes Thora als „Weisung“ (für ein gelingendes (Zusammen)leben) zielt in die gleiche Richtung.
Eine alte philosophische Frage der Identitätstheorie ist es, ob der Konsens gesellschaftsbildend8 oder ob der Dissens Normalzustand in einer Gesellschaft ist9. Folgt man letzteren pluralistischen Ansatz, dann geht es auch im gemeindlichen Leben weniger um einen Konsens, sondern um Kooperation, Integration oder im Fall der Fälle Koexistenz. Geht man davon aus, dass in 8 Vgl. z.B. Platon, Jean-Jacques Rousseau (volonté générale), Karl Marx oder Carl Schmitt 9 Vgl. z.B. z. B. Aristoteles, John Locke (agree to disagree) bis hin z. B. zu Immanuel Kant, Ernst Fraenkel und Hannah Arendt
Gemeinden und Kirchen in Bezug auf Theologie und gelebte Spiritualität ein Einstimmigkeitsprinzip vom Selbstverständnis nicht notwendig, sondern der Vielfalt des Schöpfungswirkens konträr gegenübersteht, so kann man sich an der Vielfalt der religiösen und kirchlichen Landschaft in Jerusalem und anderswo erfreuen.
Die Beschäftigung mit dem rabbinischen Judentum verweist dabei auf eine reiche, kontroverse und intensive Diskussionskultur. Auch hier ist der Diskurs nicht Einschränkung der Einheit, sondern Ausdruck der Vielfalt. Die Lektüre der Texte der Mischna oder des Talmuds in beiderlei Fassungen sind nicht nur aufschlussreich für das Verständnis des Christentums. Sie verweisen auch auf eine Lehr- und Streitkultur, die ihres gleichen sucht und intellektuell höchst anregend ist. Zumindest wenn der Dialog auf Augenhöhe von gegenseitigen Respekt und Vorurteilsfreiheit gekennzeichnet ist.
Das Suchen der Einheit der Christenheit auf einer höheren Ebene ist nach wie vor ein mit einer großen Verheißung verbundener Auftrag. Theologisch ist die Einheit dabei sicher in Christus zu suchen (Vgl. Johannes 17). Persönlich in der Begegnung mit den Geschwistern bzw. mit den Mitmenschen. Als zeitlos und inspirierend nahm ich für diesen Gedanken dabei einmal mehr die Lektüre von Martin Bubers sozialphilosophische Dialogtheorie wahr.
Dem stehen viele trennende Herausforderungen und Hindernisse im Wege. Ein Schwerpunktthema meiner Zeit war die Thematik der unterschiedlichen Narrative und die Konstruktion von Dogmen (z.B. beim Studientag zu den orthodoxen Kirchen, Konzilen und der Entwicklung des Trinitarischen Dogmas) und historischen Darstellungen (z.B. beim Blogseminar Archäologie mir Florian Lippke). Das drückt sich nur in einer Vielzahl von historischen Meinungen aus, sondern auch tagespolitisch. Der Gedanke eines jüdischen Nationalstaates bewegt seit dem Nationalstaatsgesetz im Jahr 2018 die Menschen im Land. Ist Israel ein Zweiklassenstaat? Scheinbar ist es auch für seriöse Gesprächspartner durchaus möglich, den Gedanken eines Nationalstaates mit dem Ja zu einer pluralen Gesellschaft zu verbinden. Gleichzeitig scheinen die unterschiedlichen Narrative in der Israel-Palästina-Frage auf bedenkliche Art und Weise instrumentalisiert werden. Bedenklich, weil nicht mehr der Mitmensch im Focus steht, sondern die Sache.
Für mich persönlich bleibt neben zahlreichen Studienerfahrungen und dem Sabbaticalaspekt eines Studiensemesters der Einblick in eine spirituell reiche Stadt, in der theologische, spirituelle und kulturelle Vielfalt kein Widerspruch, sondern naturgemäßer Ausdruck der Vielfalt der menschlichen Natur sind.

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Pal%C3%A4stina_(Region)#Osmanische_Herrschaft
2 https://de.wikipedia.org/wiki/Alija
3 http://www.evangelisch-in-jerusalem.org/Gemeinde/gemeinde.php
4 Vgl. Jan Hendriks, Gemeinde als Herberge: Kirche im 21. Jahrhundert - eine konkrete Utopie, 2001
5 https://de.wikipedia.org/wiki/Melkitische_Griechisch-katholische_Kirche
6 https://studiodov.wixsite.com/kehilat-zion
7 Vgl. dazu Martin Bubers programmatische Schrift „Ich und Du“ aus dem Jahr 1923.

Gemeinde und Kirche in einer interkulturellen Welt - Reflexion ekklesiologischer Dynamiken im Rahmen eines Studiensemesters in Jerusalem

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